Ergrünen des Meeres bereitet den Adria-Anrainern Sorgen

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Die Verbreitung einer aggressiven Algenart testet die Bereitschaft der Adrialänder zur Zusammenarbeit, um ihr Meer und die Tourismusindustrie zu schützen.

Von Bojana Stanišić in Podgorica, Kotor, Dubrovnik, Split, Mljet, Bari, Ancona, Rom und Pisa

Die unverdorbenen Gewässer der Adria waren schon immer der Stolz der Länder, deren Küsten dieses Meer umgeben. Azurfarben und viel sauberer als das angrenzende Mittelmeer, zieht die Adria immer mehr ausländische Urlauber nach Slowenien, Kroatien, Montenegro und seit kurzem auch Albanien. Seit dem Bedeutungsverlust der Schwerindustrie in diesen Ländern bilden die Küstengewässer ein wertvolles wirtschaftliches Vermögen.

Doch heute ist die Adria einer neuen Gefahr ausgesetzt. Von Jahr zu Jahr verbreitet sich schleichend ein heimtückischer Unterwasserfeind, belästigt die Meeresumwelt und macht aus dem sandigen und felsigen Meeresboden einen dicken Teppich aus brausenden, grünen, farnähnlichen Blättern.

Der Zustand der einst klaren Gewässer um die ligurische Insel Elba ist eine deutliche Warnung, was der Adria in Zukunft bevorstehen könnte. Früher war die Gegend eine Heimat für schillernde Koralle und Muscheln, ein Paradies für Tauche. „Heutzutage geht dort niemand mehr tauchen“, klagt Professor Francesco Cinelli, Meeresbiologe an der Universität Pisa, während er nahe dem Dorf Marina di Pisa ins Wasser guckt. „Der Seeboden ist mit einem grünen Teppich bedeckt“, sagt er.

Professor Cinelli spricht über Caulerpa Racemosa, eine aggressive Algenart, die sich wie ein Lauffeuer über das Mittelmeer verbreitet hat und sich jetzt anschickt, dasselbe in der Adria zu tun.

Die Pflanze ist nicht nur unschön. Indem sie dichte Kolonien auf allen Meeresbodentypen bildet und in sauberem wie auch verschmutztem Wasser gedeiht, verändert sie die Eigenschaften ihres jeweiligen Lebensraums und reduziert damit drastisch die Vielfalt der restlichen Unterwasserfauna. Sie wächst schnell in kaltem und im warmen Wasser, blockiert das Sonnenlicht, das die kleineren Meerespflanzen brauchen, und verursacht damit deren Absterben. Außerdem setzt die Alge Alkaloidstoffe frei, von denen andere Organismen in der Umgebung ebenfalls ausgerottet werden. Indem sie die anderen Meerespflanzen zerstört, gefährdet sie das Überleben von Fischen und Mollusken, die sich von ihnen ernähren oder einen nackten Fels oder Sand als Lebensraum benötigen. Seezunge und der Spinnenfisch sind besonders gefährdet, da sie auf einen sandigen Meeresboden angewiesen sind.

“Wenn Caulerpa den Meeresboden bedeckt, verlieren diese Pflanzen- und Tierarten ihren Lebensraum”, erklärt Ante Žuljević, Mitarbeiter des Instituts für Meeresforschung und Fischerei im kroatischen Split. Eine weitere Ausbreitung der Alge über den Rest der Adria und das Mittelmeer würde wirtschaftlich nutzbare Speisefischvorkommen dezimieren und Touristen und Taucher abschrecken. Das Meer, das bisher für die Vielfalt von Fischarten und die Schönheit der Unterwasserlandschaft berühmt war, könnte zu einer eintönigen Unterwasserwüste verkommen.

Wissenschaftler warnen davor, dass die Plage außer Kontrolle gerät, wenn es Slowenien, Kroatien, Montenegro und Albanien nicht gelingen sollte, eine konzertierte Aktion durchzuführen. Doch trotz der ernsthaften Bedrohung haben die Regierungen in der Adriaregion bisher weder Schritte für eine Zusammenarbeit getan noch Rat bei anderen betroffenen EU-Staaten gesucht. Frankreich, Italien und Spanien stehen vor demselben Problem, handeln aber gemeinsam, um den Schaden zu begrenzen.

In der Nähe Ihres Meeres

Caulerpa Racemosa wurde zum ersten Mal vor etwa 80 Jahren im Mittelmeer gesichtet. Die tropische Algenart kam Anfang der 1930er Jahre an Schiffen über den Suezkanal aus dem Roten Meer und breitete sich allmählich über mehr als 50.000 Hektar des Meeresbodens aus. Vor etwa zehn Jahren wurde sie von der Europäischen Kommission als ernsthafte Bedrohung für die maritime Artenvielfalt bezeichnet. Seither verbreitete sie sich mit wachsender Geschwindigkeit über das ganze Mittelmeer und in der Adria.

Nachdem sie zum ersten Mal vor etwa 20 Jahren vor der Küste Libyens erschien, breitete sie sich mit Hilfe der Meeresströmung in den Küstengewässern anderer Mittelmeerländer aus. Unabsichtlich transportierte man die „blinden Passagiere“ am Schiffsrumpf, auf Ankern und Fischernetzen und an der Taucherausrüstung. Jedes Mal, wenn ein „infiziertes“ Schiff ankerte oder im Anlaufhafen Ballastwasser entlud, fiel die Alge ab und fand einen neuen Biotop.

Als die Caulerpa Racemosa etwas später in der Adria ankam, verbreitete sie sich in den Gewässern vor Montenegro in nur drei Jahren von zwei auf acht Stellen. Das größte infizierte Gebiet befindet sich um die Halbinsel Lustica, an der Einfahrt in die Bucht von Kotor, wo sich die Alge auf mehr als zwei Quadratkilometern ausbreitete. Vor kurzem wurde an zwei weiteren Stellen in der der unmittelbaren Umgebung von Budva, südlich von Kotor, Algenbefall festgestellt. Es wird damit gerechnet, dass sich die Pflanze bis Ende August auf insgesamt vier Hektar montenegrinischen Meeresbodens breit gemacht haben wird.

In Kroatien ist die Plage jedoch viel schlimmer. Nachdem die Alge zum ersten Mal in der Nähe von Pakleni Otoci, einer Inselgruppe in Mitteldalmatien, auftauchte, wurden bis heute insgesamt 54 Stellen infiziert. Der Schwerpunkt liegt um die Insel Mljet, einem Nationalpark, deren blaues Wasser viele Besucher anzieht.

Da die Alge im Mittelmeer keinen natürlichen Feind hat, konnte sie sich ohne Schwierigkeiten ausbreiten. Dazu hat auch das ungenügende Bewusstsein über die Ernsthaftigkeit des Problems beigetragen. Frankreich, Italien und Spanien haben sich noch lange nach dem Erscheinen der Alge wenig darum gekümmert. Als sie das Ausmaß der Bedrohung erkannten, war es bereits zu spät.

Heute leidet nicht nur das Meer um die Insel Elba an der Verseuchung. Nach Thierry Thibeau, Forscher an der Universität Nizza, sind auch die Meeresböden vor der Küste von Monaco und an der Cote d'Azur kontaminiert. Dort haben die Algen die konkurrierende Meeresflora und -fauna vernichtet. „Es kommen keine Taucher mehr nach Monaco, da es hier nur noch einen grünen Caulerpa-Teppich gibt“, meint Thibeau.

Der Kampf hat noch nicht begonnen

Zwar gibt es keine Mittel zur Ausrottung der Alge, doch Wissenschaftler glauben, dass man ihre Ausbreitung durch eine konzertierte Anwendung europäischer Direktiven, die Ankern, Angeln und Tauchen in infizierten Gebieten verbieten, verlangsamen könnte.

In der Zwischenzeit hat ein verspätetes Problembewußtsein eingesetzt, und die aufgeschreckten Mittelmeerländer haben damit begonnen, maritime Regionen mit einer Schlüsselbedeutung für die Artenvielfalt, die Fischerei und den Tourismus zu schützen. Spanien, Frankreich und Zypern verabreden gemeinsame Forschungsprojekte und stellen Gelder für die Erforschung von Ausrottungsstrategien und eine Bestimmung des Problemumfangs zur Verfügung.

Zwischen den Balkanstaaten an der Adriaküste gibt es keine Zeichen einer ähnlichen Zusammenarbeit. Experten machen dafür unzureichende verwaltungstechnische Befugnisse, die Finanzknappheit und die gescheiterte Anpassung inländischer Gesetze an das europäische Recht verantwortlich.

Das montenegrinische Parlament verabschiedete beispielsweise noch keine grundlegenden Bestimmungen über den Umgang mit den natürlichen maritimen Ressourcen, etwa in Form eines Umweltschutzgesetzes Bis Ende des Jahres soll jedoch ein Gesetz in Kraft treten.

Die nationalen Institute für Meeresbiologie in der Adriaregion fingen vor einigen Jahren an, Informationen über gemeinsame Probleme auszutauschen, aber ihre Regierungen hinkten hinter diesen Kooperationsbestrebungen hinterher. Sie lassen bis heute keinerlei Absichten erkennen, die Ausrottung von Caulerpa als Priorität zu behandeln.

Die Gründe für die mangelhafte politische Zusammenarbeit zwischen den Ländern der Region reichen von politischen Auseinandersetzungen bis zu einem Bewusstseinsdefizit über das Ausmaß des Problems. Die negativen Auswirkungen der Kriege auf dem Balkan in den 1990er Jahren sind bis heute spürbar und verlangsamen den Informationsaustausch zwischen den Staaten, insbesondere zwischen Montenegro und Kroatien. Albanien dagegen taucht erst jetzt aus der selbst auferlegten Isolation auf.

Doch Europa drängt auf gemeinsame Maßnahmen. Bereits 1995 kam der Europarat zu dem Schluß: „Koordinierte Aktionen von den von Caulerpa betroffenen Ländern und denen, die betroffen sein könnten, werden dringend empfohlen, besonders im Sinne der Verabschiedung gemeinsamer Strategien.“

Vor kurzem hat das UN-Entwicklungsprogramm UNDP alle Balkanländer aufgefordert, ihre Anstrengungen zu intensivieren und gemeinsame Ansätze zu entwickeln, um die Umweltangelegenheiten in den Griff zu bekommen. In einem in diesem Oktober veröffentlichten Bericht wurde eine deutliche Verbindung zwischen diesem Prozess und einer weiteren europäischen Integration gezogen.

Wissenschaftler, die sich mit der Bedrohung durch die Algenart beschäftigen, sind sich einig, dass kein Land das Problem alleine lösen kann. Roberto Danovaro von der Abteilung für Meereskunde an der Universität Marche im italienischen Ancona meint, dass die regionale und europäische Zusammenarbeit von entscheidender Bedeutung ist. „Es wäre sehr dumm, die maritimen Angelegenheiten nur auf lokaler Ebene zu diskutieren“, sagt er und fügt hinzu: „Wir müssen eine gemeinsame Meerespolitik entwickeln“.

Vertreter des NGO-Sektors sind derselben Meinung. „Es ist zwecklos, dass eins von den sechs Ländern das Problem ansprecht, wenn es die anderen nicht tun“, meint Maria Rapini, Mitarbeiterin von Marevivo, einer Umweltschutzorganisation in Rom. „Vielleicht würden sie die Alge ausrotten, aber das wäre nur vorübergehend, da sie wiederkehren würde, aus Albanien oder Montenegro zum Beispiel.“

Gianni Guarieri, ehemaliger Berater für internationale Beziehungen beim italienischen Umweltministerium, glaubt ebenfalls, dass „die Adria gemeinsame Projekte braucht.“ Er betont die Notwendigkeit gemeinsam geschützter Meeresreservate. „Jede Küstengemeinde sollte ein solches Gebiet ausweisen“, fügt er hinzu. „Sie müssen über eine biologische Fülle verfügen und so attraktiv sein, dass die Bevölkerung in der Umgebung daraus Nutzen ziehen kann“.

Bedrohung für die montenegrinische Riviera

Die kleine Bucht Veslo, an der Einfahrt in die Bucht von Kotor, wird weithin als Perle der montenegrinischen Riviera bezeichnet, von der die Tourismusindustrie der seit kurzem unabhängigen Republik verstärkt abhängt. Doch Vesna Mačić vom montenegrinischen Institut für Meeresbiologie betont, dass die Unterwassersituation erschreckende Ähnlichkeiten mit der Situation um die Insel Elba aufweist. Sie sagt, dass Caulerpa bereits damit begonnen hat, heimische Muscheln und andere Algen zu verdrängen.

Es gibt keine genaue Informationen darüber, wie die Alge die Artenvielfalt der montenegrinischen Gewässer verändert, da die Meeresexperten in Montenegro über keine Angaben verfügen, welche Spezies vor ihrem Erscheinen das dortige Meer bewohnten.

Die Regierung stellte mit 10.000 Euro für die letzten drei Jahre bisher nur einen winzigen Betrag für die Lösung des Problems zur Verfügung. Kroatien weist für denselben Zweck etwa 135.000 Euro pro Jahr an, während Frankreich jährlich 50.000 Euro allein für die Erforschung der Verbreitung von Caulerpa ausgibt.

Montenegro begründet die spärliche Summe damit, dass das mit der Alge verseuchte Gebiet noch nicht besorgniserregend groß ist. Nach Siniša Stanković, Mitarbeiter der Umweltabteilung des Tourismusministeriums, hat es wenig Sinn, Geld wegen eines Problems zum Fenster hinaus zu werfen, wofür es keine Lösung gibt. „Wenn wir wüssten, dass es Methoden zur Vernichtung der Alge gibt, würde keiner das Geld aufsparen. Aber alle bisher bekannte Methoden können lediglich ihre Verbreitung begrenzen“, meint er.

Montenegro ist ein kleines, relativ armes Land. Politisch ist es nur schwer zu rechtfertigen, warum man Gelder aus dem begrenzten Haushalt für den Umweltschutz verwenden muss. Viel bedenklicher ist es jedoch, dass Montenegro die für diesen Zweck bereitgestellten EU-Heranführungsfonds nicht nutzt. Stanković macht dafür die Verwaltungen verantwortlich, die nicht die Kapazitäten hätten, Projekte nach europäischen Standards auszuarbeiten und durchzuführen.

Die montenegrinische Regierung, so Stanković, beabsichtigt, die verlorene Zeit aufzuholen und an einem neuen Meeresschutzprojekt teilzunehmen, das vom United Nations Environment Programme / Mediterranean Action Plan (UNEP/MAP) und der der Weltbank untergliederten Global Environment Facility finanziert wird, einem Mechanismus zur Aufbringung von Mitteln für die Finanzierung von Umweltschutzprojekten in Entwicklungsländern.

„Wir haben für die nächsten fünf Jahre 150.000 Dollar [circa 107,000 Euro] für den Schutz des Unterwasserökosystems bereitgestellt“, sagt Stanković und fügt hinzu: „Ein Teil davon wird für die Ausrottung von Caulerpa ausgegeben werden.“

Der montenegrinische Staatsbetrieb Morsko Dobro, der sich mit der Verwaltung von Meeresgebieten beschäftigt, unternahm ebenfalls erste Schritte zur Information der Öffentlichkeit, indem sie Broschüren über die Algengefahr gedruckt und verteilt hat. Aleksandra Ivanović, die an der Kampagne teilnimmt, erklärt, dass die Firma seit 2005 auch Überwachungstätigkeiten finanziert habe und versuche, der Verbreitung der Alge im Meer vor Budva mit Folien vorzubeugen, die das von der Pflanze zum Leben benötigte Sonnenlicht abhalten.

Die Summe, die bisher für diese Aktivitäten ausgegeben wurde, ist mit 5000 Euro recht bescheiden.

Was geschah mit dem „ökologischen Staat“?

Trotz der zunehmend schnelleren Annäherung an die EU hat Montenegro überraschend wenig getan, um Gesetze zur Bekämpfung der aggressiven Meeresspezies zu verabschieden, obwohl sie einen wichtigen Teil des EU-Umweltrechts darstellen. Die Tatsache, dass Brüssel dieses Problem in dem 2002 verabschiedeten sechsten EU-Umweltschutzplan zur Priorität erklärte, zeigt, wie beunruhigt man dort darüber ist. In einer mit dem Titel Den Verlust der Artenvielfalt bis 2010 aufhalten überschriebenen Mitteilung vom September 2006 bezeichnete das Direktorat für Umwelt bei der Europäischen Kommission das Caulerpa-Problem als Schlüsselproblem und erklärte, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die Verbreitung dieser fremden Spezies einzudämmen.

Die Europäische Kommission bereitet momentan eine Strategie zur Lösung des Problems vor. „Die Alge Caulerpa Racemosa wurde als ernsthafte Gefahr für die Artenvielfalt des Meeres bezeichnet“, sagt Lenka Karova, eine andere Mitarbeiterin des Direktorats für Umwelt bei der Europäischen Kommission. „Diese Strategie beabsichtigt, die schädlichen Auswirkungen der invasiven Spezies auf die europäische Biodiversität beträchtlich zu reduzieren.“ Sie führt weiter aus, dass eine Forschung, die als Teil des Projektes European 2010 Biodiversity Indicators (SEBI 2010) durchgeführt wurde, Caulerpa als eine der „schlimmsten aggressiven Arten identifizierte, die die europäische Biodiversität gefährdet.“

Obwohl sich Montenegro in seinem Grundgesetz zum “ökologischen Staat” erklärt hat, hat das Land weder die 1976 in Barcelona unterzeichnete Konvention zum Schutz des Mittelmeers vor Verschmutzung ratifiziert, noch die Berner Konvention zur Erhaltung des Wildlebens und der natürlichen Lebensräume von 2003 unterzeichnet.

Siniša Stanković verspricht, dass die Barcelona-Konvention bis Ende des Jahres ratifiziert sein wird und sagt, dass „dieses Gesetz und vor allem das angehängte Protokoll über die besonderen Schutzgebiete alle Voraussetzungen für die Lösung des Caulerpa-Problems erfüllen wird.“ Aber das kommt reichlich spät. Alle Mittelmeerländer, unter ihnen auch Montenegro Nachbarn, haben die Barcelona-Konvention schon unterzeichnet. Das kroatische Parlament verabschiedete das Gesetz über die Umsetzung der Barcelona-Konvention bereits 1996.

Außer Bosnien und Herzegowina, das nur über ein kleines Stück Adriaküste verfügt, bleibt Montenegro der einzige Adria-Anrainerstaat, der die Berner Konvention nicht unterzeichnet hat. „Angesichts unseres Verhaltens gegenüber dem Meer hat es keinen Sinn, sich zu rühmen, dass wir ein Ökoland sind“, meint Vesna Mačić.

Montenegro ist auch das einzige Land an der Adria, das bisher keine offiziellen Meeresschutzgebiete definiert hat. Gemäß Direktiven und Konventionen der EU ist jeder Staat verpflichtet, mehrere Naturschutzparks oder Meeresschutzgebiete zu haben und gesetzliche Vorschriften zu verabschieden, um sie vor Verschmutzung und invasiven Arten zu schützen. Meeresreservate müssen vor unbefugtem Ankern, Tauchen und Fischerei gesetzlich geschützt sein. Italien verfügt beispielsweise über 27 solcher Schutzgebiete. Es wird angestrebt, so Maria Rapini von Marevivo, diese Zahl in den nächsten Jahren auf 50 zu erhöhen.

„Wenn wir die Barcelona-Konvention ratifizieren, werden wir uns verpflichten, Meeresschutzgebiete auszuweisen“, sagt Ana Pajević vom montenegrinischen Tourismusministerium. „Wir planen, 10% des gesamten Meeresgebiets in Montenegro zu schützen“. Aber momentan bleibt es noch immer nur ein Ziel.

Wissenschaftler weisen den Weg

Während die Politiker in der Region nur wenig für die Zusammenarbeit hinsichtlich des Meeresschutzes getan haben, beschäftigen sich die Wissenschaftler mit dem Austausch von Informationen. „Das Meer hat keine Grenzen“, sagt Mačić. „Wenn wir es schützen wollen, müssen wir zusammenarbeiten. Alle, die sich mit Meeresangelegenheiten beschäftigen, wissen, dass es dort keine Grenzen geben kann.“

Das Institut für Meeresbiologie in Kotor arbeitet mit dem Institut für Ozeanografie und Fischerei in Split, dem Institut für Meeres- und Küstenforschung in Dubrovnik und dem Labor für Meeresbiologie an der Universität Nizza zusammen.

Die Mitarbeiter des Instituts in Kotor sind stolz darauf, schon bald nach dem Ende der Kriege in den 1990er Jahren mit ihren kroatischen Kollegen im Grenzgebiet ein gemeinsames Projekt initiiert zu haben. „Die Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Meeresschutzes ist ein gutes Modell für die Versöhnung zwischen ehemaligen Kriegsgegnern“, behauptet Mačić. Ihre Kollegen in Split und Dubrovnik sind derselben Meinung.

Aber die Balkankriege hinterließen nachhaltige Folgen, und die Wissenschaftler glauben, dass es noch eine Weile dauern wird, bis die volle wissenschaftliche Zusammenarbeit wiederhergestellt ist. „Vor fünf Jahren wollte die deutsche Regierung ein Delfinprojekt finanzieren, das in Zusammenarbeit zwischen Kroatien und Montenegro durchgeführt werden sollte“, bemerkt Vlado Onofri, Mitarbeiter des Instituts für Meeres- und Küstenforschung in Dubrovnik. „Aber wegen der gegensätzlichen politischen Positionen in den beiden Ländern ist es nicht dazu gekommen.“ Er fügt hinzu: „Kriege verhindern den Informationsaustausch, besonders in den Köpfen der Politiker und Staatsmänner, und das sind diejenigen, die die Finanzhoheit haben.“

Osvin Pečar, Direktor des Naturschutzparks Mljet, ist ebenfalls der Meinung, dass die Politiker das größte Problem darstellen. „Wir, die Wissenschaftler, werden mit allen in der Region zusammenarbeiten, wenn es unseren Interessen dient. Aber es ist viel schwieriger, wenn man das Geld aus den Strukturen der Regierung bekommt“, sagt er. Mittlerweile wird die einzigartige Schönheit des adriatischen Meeresbodens ernsthaft von diesem mobilen Feind bedroht.

Seegras und Schnecken – unvermutete Alliierte

Kann in diesem Stadium etwas getan werden? Es gibt wenig Hoffnung auf eine umweltverträgliche Lösung der Algenverbreitung. Wissenschaftler betonen die Wirkung von Posidonia, einer Seegrasart, die eine natürliche Barriere für die Verbreitung der Caulerpa bilden kann.

Aber das ist nur dann möglich, wenn die Posidonia-Kolonien groß und gesund sind. “Falls Caulerpa das Seegras Posidonia vernichtet, werden die Fische das Gebiet verlassen und die Küste wird a Erosion zu leiden haben“, merkt Professor Cinelli von der Universität Pisa an.

Eine andere “biologische” Lösung wäre der Einsatz einer tropischen Schnecke, die sich von Caulerpa ernährt. Diese Schneckenart bewohnt das Meer um Australien. Ihr Einsatz im Mittelmeer wäre die „beste Lösung für das Caulerpa Problem im Mittelmeer“, so Ante Žuljević aus Split.

Wissenschaftler beschäftigen sich auch damit, ob die Ausbreitung von Caulerpa durch das Abdecken infizierter Stellen mit Folien aufgehalten werden kann. Viele jedoch bezweifeln diese Methode und behaupten, dass damit bisher keine zufrieden stellenden Ergebnisse erzielt wurden. „Die Alge mit der Folie abzudecken oder Gift einzuspritzen, ähnelt einer Chemotherapie, die den Tumor zerstört, aber zugleich auch den ganzen Organismus“, sagt Onofri. „Das Gift, das wegen Zerstörung der Alge eingespritzt wird, tötet auch die Mikroorganismen, die in der unmittelbaren Umgebung leben“.

Inzwischen kollidieren die Maßnahmen zur Kontrolle der Algenverbreitung mit den Ansprüchen der Tourismusindustrie.

Wissenschaftler empfehlen, den Schiffen das Ankern in Gebieten, die von Caulerpa in Besitz genommen worden sind, oder an den Stellen, wo sich Posidonia-Kolonien gebildet haben, zu verbieten, da sie durch das Ankern zerstört werden können und somit der Weg für die Alge freigemacht wird. “Ein Kreuzfahrtschiff mit einem mehrere Tonnen schweren Anker kann die Caulerpa-Alge ausreißen und überall über den Meeresboden verstreuen“, sagt Onofri.

Er behauptet, dass ein solches Verbot um Dubrovnik nötig wäre, wo täglich große Schiffe ankommen. Wegen des Schadens für die Tourismuswirtschaft ist die Umsetzung einer derartigen Maßnahme jedoch ziemlich unwahrscheinlich. „Sollten wir das Ankern verbieten, wird es zu schädlichen wirtschaftlichen Konsequenzen kommen“, meint er.

Die Einheimischen scheinen allerdings nichts dagegen zu haben. „Die Touristen, die auf ihren Schiffen kommen, geben kein Geld in unseren Cafés und Restaurants aus. Sie haben alles in ihren schwimmenden Städten“, meint Ljuba, eine Cafébesitzerin. „Sie verschmutzen nur unser Meer und unsere Luft, bringen fremde Pflanzen auf ihren Ankern mit und gehen anschließend einfach weg. Es wäre besser, wenn sie überhaupt nicht kommen würden“, fügt sie hinzu.

Osvin Pečar ist der Meinung, dass etwas getan werden muss, ist sich aber auch bewusst, dass manchen Maßnahmen schwer durchzusetzen sind. „Ein Ankerverbot in den Buchten ist den Bedürfnissen des nautischen Tourismus diametral entgegensetzt“, meint er. „Etwa 25 % der Nautiktouristen kommen nach Kroatien, weil hier das Ankern überall erlaubt ist“.

Er und Onofri hoffen auf eine Kompromisslösung in Form großer Bojen, wo die Schiffe ankern könnten, ohne in direkten Kontakt mit dem Meeresboden zu kommen. Wissenschaftler, NGO's und Regierungen bitten alle Leute, die tauchen, ankern oder fischen, Caulerpa nicht ins Meer zurückzuwerfen, falls sie sie auffangen. Wenn die Leute schon ihre Verbreitung nicht aufhalten können, sollten sie zumindest bei ihrer Fortpflanzung nicht helfen.

Inzwischen warnt Onofri, dass die unkontrollierte Ausbreitung der Alge in allernächster Zukunft ernsthafte wirtschaftliche Konsequenzen für alle Adrialänder haben wird. „In einigen Jahren wird die Meeresoberfläche blaufarbig sein, aber der Meeresboden ist grün“, sagt er und zeigt auf die kleine Insel Lokrum vor Dubrovnik, ein Meeresparadies, das von der heimtückischen Alge „besetzt“ wurde.

„Caulerpa übt eine ,ethnische Säuberung‘ des Meeres aus“, sagt Onofri.