Europa lässt arme Albaner nicht rein
Von der Lockerung der EU-Visaregelungen profitiert vor allem der Mittelstand, arme Familien sitzen nach wie vor in der Falle.
Geschrieben von Altin Raxhimi in Tirana, Shkoder, Pristina und Barberino, Italien
Sofie Palija und ihr Ehemann Nikolle grübelten letzten Sommer viel darüber nach, welcher Bewerber wohl den besten Ehemann für ihre 16-jährige Tochter geben würde. Von ihren insgesamt sechs Kindern arbeiten bereits zwei Söhne in Italien und schicken pro Monat etwa 500 Euro nach Hause. Das Geld ist lebensnotwendig und hat es den Eltern der Jungen ermöglicht, der sinnlosen Plackerei auf ihrem Bergbauernhof zu entkommen. Heute leben sie in einem ärmlichen Vorort am Rande von Shkodra.
Ihre älteste Tochter ist ebenfalls im Ausland, sie hat nach Attleboro in den Vereinigten Staaten geheiratet. Die zweitälteste ist mit einem Mann in Bronx zusammen. „Hoffentlich kann ich sie auch im Ausland verheiraten“, seufzt Sofie und kehrt damit wieder zu ihrer 16jährigen Tochter, der drittältesten, zurück. „Gott allein weiß, wie schwer wir es hier haben!“
Seit den Wirren und Aufständen in den 1990er Jahren ist die albanische Wirtschaft jährlich um sechs bis sieben Prozentpunkte gewachsen, was vielen aus ihrer extremen Armut verhalf, eine fragile Mittelklasse hervorbrachte und einige wenige sehr reich machte. Aber die schnelle Entwicklung ging an Familien wie den Palijas vorbei. Sie sehen in der Emigration noch immer den einzigen Ausweg aus der Armut.
Vor kurzem verkündete die Europäische Union eine Lockerung der Visabeschränkungen für Reisende aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Montenegro und Serbien. Für bestimmte Personengruppen wird die Genehmigungsprozedur für kurzfristige Aufenthalte im EU-Block abgekürzt. Familien ohne Ausbildung und gute Kontakte wie die Palijas profitieren von diesen Änderungen jedoch kaum. Wenn sie in den Westen wollen, stehen sie vor denselben Hürden wie zuvor und sind gezwungen, sie mit den alten Tricks zu überwinden.
Kritiker der EU-Vorschläge vertreten daher die Auffassung, dass die aktuellen Visa-Änderungen die Spaltung der balkanischen Gesellschaften verstärkt, die bereits Gepeinigten erneut bestraft und diejenigen fördert, die eigentlich am wenigsten Hilfe brauchen.
Die Mittelschicht fühlt sich ganz wohl
Für die Mittelschicht und die Facharbeiterschaft sind die neuen EU-Visaregelungen sicherlich eine Wohltat.
Für Personengruppen wie Geschäftsleute, Akademiker und Journalisten vereinfacht sich die Beantragung von Kurzzeit- und Mehrfachvisa. Sie werden, um eine Einreiseerlaubnis zu bekommen, künftig weniger Papierkram in Form von Bankauszügen, Eigentumsurkunden, Arbeitspapieren, Hotelreservierungsbestätigungen und Fahrkarten vorweisen müssen. Als Teil eines Maßnahmenbündels, die die Erteilung von Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen für Facharbeiter erleichtern soll, stehen bereits weitere Regelungen bevor.
Mit den Erleichterungen verkürzt sich die Bearbeitungszeit der Visaanträge und erspart den Antragstellern das stundenlange demütigende Warten in den Schlangen vor den Konsularabteilungen der Botschaften. Gleichzeitig wird die Antragsgebühr von den bisherigen 60 auf 35 Euro reduziert, Studenten und Rentner müssen künftig gar nichts mehr bezahlen.
Die Regelung soll im Januar 2008 in Kraft treten und wird Vorteile für Albanien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Serbien und Mazedonien bringen. Sie ist eine Konsequenz aus den Maßnahmen, die diese Länder unternommen haben, um die illegale Einwanderung ihrer Staatsbürger in die EU einzudämmen. Den freien Reiseverkehr freilich, nachdem sich alle sehen, wird es nicht geben.
Der Justizkommissar der Europäischen Kommission, Franco Frattini, der an der Formulierung der Regelungen mitgewirkt hat, bezeichnet das Abkommen nur als ersten Schritt zu einer vollkommenen Abschaffung des Visumzwangs.
Der für die albanische Regierung arbeitende Politikwissenschaftler Kosta Barjaba dagegen behauptet, dass vor allem diejenigen zu den Nutznießern gehören, die am wenigsten Hilfe brauchen. „Der Mittelstand verfügt bereits über die Möglichkeit, sich frei zu bewegen“, sagt er: „die schlecht Ausgebildeten ohne Vitamin B bräuchten die Lockerungen dringender, werden sie aber schwieriger bekommen.“
Barjaba spricht über Menschen wie Arjan Stajka, einem 37jährigen Computerfachmann, der in Tirana in dem Bauunternehmen seiner Familie arbeitet. Als typischer Vertreter der sich bildenden Mittelschicht fährt er nur zum Urlaub oder für kurze Geschäftsreisen ins Ausland. Mit seinem Job in Albanien ist er vollauf zufrieden. Damit bildet Stajka im gegenwärtigen Albanien keine Ausnahme. Gut gekleidete junge Leute, die ihre Zeit in schicken Bars verbringen, aus deren Lautsprechern westliche Musik dringt, gehören in der Hauptstadt Tirana zum normalen Anblick. Die Nachfrage nach neuem Wohnraum hat seit den späten 1990ern nicht abgenommen und verleiht der Stadt das Erscheinungsbild einer Großbaustelle.
Mit der steigenden Konsumnachfrage ist die Zahl der Einkaufszentren explosionsartig gewachsen. Immer mehr Leute leisten sich ein zweites Domizil an der Adriaküste. Als Folge dieses Booms und dem Wachstum des privaten Bankgewerbes hat sich eine Schicht von Millionären, hauptsächlich aus erfolgreichen Unternehmern, gebildet.
Ein Indikator für den Anstieg des verfügbaren Einkommens in Albanien ist die zunehmende Zahl der Familien, die beträchtliche Summen für die Ausbildung ihrer Kinder im Ausland ausgeben. Mehr als 50.000 Jugendliche haben in den letzten zehn Jahren an italienischen Universitäten studiert. Der Großteil der teuren Ausbildungs- und Lebenshaltungskosten wurde von ihren Familien gedeckt. Ein weiteres Anzeichen für den Einkommensanstieg ist die Aggressivität der örtlichen Banken beim Verkauf von Hypotheken als Folge der Ausdehnung des Wohnungsmarkts.
Arjan Stajka genießt die Früchte des Aufschwungs, seit er vor fünf Jahren nach Albanien zurückgekehrt ist. In den 1990er Jahren schloss er sich dem Exodus ins Ausland an, zog nach Italien und ließ sich als illegaler Einwanderer registrieren, als die italienische Regierung den Status solcher Leute „normalisieren“ wollte. Er arbeitete als Kellner in einem Restaurant in Norditalien, studierte Computerprogrammierung in Mailand und ging wieder nach Hause, als sich das Leben dort zu verbessern begann.
Heute schüttelt Stajka seinen Kopf über seine Versuche, sich an die Mentalität der Italiener heranzutasten. „Man fängt den Tag an, indem man versucht, alles so zu machen wie die Italiener und sich so wie sie zu benehmen, aber es laugt einen aus“, erinnert er sich. „Man kann ihre Sprache makellos sprechen, aber man hat sie eben nur gelernt, sie dagegen wurden damit geboren. Man kommt einfach nicht zum Zug.“ Zurück in Tirana, versuchte er sich am Aufbau von Computernetzwerken und arbeitete als Geschäftsführer in Kinos und Bars, bevor er als Assistent in dem Bauunternehmen anfing, in dem sein Schwager als Manager tätig ist. Dort handelt er Verträge für die Erschließung von Baugrundstücken aus. Seine Reisen in die EU sind nun bequem geworden und dienen lediglich geschäftlichen Zwecken oder dem Freizeitvergnügen.
Warum alle so gerne weg wollten
In den letzten Jahren hat sich die Motivation der Wanderungsbewegungen vom Balkan in den Westen von Land zu Land stark unterschieden. Im EU-Mitgliedsstaat Slowenien oder im vergleichsweise wohlhabenden Kroatien ist das Phänomen weniger akut als in Bosnien und Herzegowina, Albanien oder im Kosovo.
Diese Länder haben zwischen 20 und 30 Prozent ihrer Bevölkerung verloren. Etwa einer von fünf Kosovo-Albanern lebt und arbeitet im Ausland. Unter den ehemals sozialistischen Ländern sind solche Zahlen nur noch in Armenien und der Republik Moldau anzutreffen.
Auch Serbien und Montenegro gehören nach einer 2006 von der Weltbank veröffentlichten Studie zu den zwanzig Ländern, in denen Geldsendungen aus dem Ausland mehr als Zehntel der nationalen Wirtschaftskraft ausmachen. Albanien jedoch gilt als das bisher eindrucksvollste Beispiel wirtschaftlich bedingter Emigration.
Russell King, Direktor des Zentrums für Migrationforschung im britischen Sussex, zieht einen Vergleich mit der irischen Massenauswanderung nach Amerika und England während der Kartoffelpest zwischen 1845 und 1849.
Nur wenige Albaner fanden während des Kommunismus den Mut, über die Grenze zu gehen. Es war nicht nur höchst gefährlich, sondern setzte auch ihre Familien politischer Verfolgung aus.
Nachdem das kommunistische Regime zusammengebrochen und die Wirtschaft implodiert war, wollten alle weg. „Die Auswanderung war für die Albaner keine Wahl“, sagt James Korovilas, Wirtschaftler an der University of the West of England, der die Auswirkungen der Migrationsbewegungen erforscht: „Sie mussten weggehen. Sie hatten nichts mehr übrig.“
Zum damaligen Zeitpunkt war Albanien seit 50 Jahren von der Außenwelt abgeriegelt. Plötzlich wurde das Land mit den verführerischen Bildern desjenigen Reichtums überschwemmt, die von italienischen Fernsehsendern über die frisch erstandenen Fernsehgeräte in die Wohnzimmer gesendet wurden. War die Grenze einmal gefallen, ergriffen die Albaner die Gelegenheit und gingen weg.
Manche kletterten über Bergpässe nach Griechenland oder drängten sich in überalterte Schiffe, die auf die italienische Küste zusteuerten. Viele kamen auf dünnwandigen Schlauchbooten nach Italien, mit gefälschten Ausweispapieren, die sie sich vor ihrer Abreise gekauft hatten. Sie gaben sich als albanischstämmige Flüchtlinge aus dem Kosovo aus, die vor der Verfolgung durch die Serben flohen.
Heute lebt von 4 Million albanischen Staatsbürgern ungefähr eine Million im Ausland.
Die albanische Regierung konnte gegen diesen Massenexodus kaum etwas tun. Eine erneute Schließung der Grenze kam nicht in Frage. Ein Modellprojekt, mit dem in den frühen 1990er Jahren mehrere hundert Saisonarbeitsplätze in Deutschland geschaffen werden sollten, wurde als Fehlschlag bewertet, nachdem einige Bewerber am Ankunftsort untertauchten. Kürzlich vorgestellte Pläne zur Erteilung befristeter Erlaubnisse für die Arbeit auf argentinischen Farmen oder französischen Weingütern haben sich ebenfalls als Fehlschläge erwiesen.
Paulin Palija, Sofies ältester Sohn, war damals Teil der Auswanderungswelle in den Westen. 1998 kam er als 17-Jähriger auf einem Schlauchboot von Albanien nach Italien, nachdem er auf dem Schwarzmarkt in Shkodra einem Kosovo-Albaner den Ausweis abgekauft hatte. Als die Polizei ihn mit seiner Gruppe an der Küste erwischte, meldete er sich unter anderem Namen an und behauptete, er wolle zu seinen Verwandten nach Deutschland. Zusammen mit einigen Frauen gehörte er zu den wenigen, die an diesem Tag nicht nach Albanien zurückgeschoben wurden. Er hatte schon einige Jobs auf dem Bau hinter sich, und als ich ihn diesen Sommer in Barberino, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Florenz, traf, hackte er Holz für sardische Kamine.
In den Ländern, in die sie damals gingen, waren die Albaner mit negativen Schlagzeilen über gewalttätige Gruppenkriminalität, Drogen- und Menschenhandel konfrontiert. Europaweit waren die Zeitungen voll mit Berichten über schwere Verbrechen, die von Albanern angelastet wurden: Rowdies, die den Bart eines orthodoxen Priesters in den griechischen Bergen anzünden, Kokain verkaufen und in Italien als Zuhälterei ihr Unwesen treiben. Im Italienischen wie im Griechischen erhielt das Wort „Albaner“ einen abwertenden Beigeschmack.
Doch nicht alle waren der Meinung, dass dieses Abwerten einer ganzen Nation gerecht sei. Der links orientierte italienische Journalist Gian Antonio Stella vergleicht die albanerfeindliche Stimmung in seinem 2002 erschienen Buch Die Horden; Als wir die Albaner waren mit dem Rassismus, dem italienische Auswanderer zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgesetzt waren.
„Es ist erstaunlich, dass die Welle [der Emigration] konstant blieb, obwohl die Umgebung so feindselig eingestellt war“, bemerkt Russell King.
Nur neue Arbeitsplätze können den Aderlaß stoppen
Um in der Visafrage eine bessere Verhandlungsposition gegenüber Brüssel zu bekommen, verpflichteten sich die Regierungen des Westbalkans zu schärferen Grenzkontrollen. Damit sollte die illegale Auswanderung aus ihren Ländern gestoppt werden.
Nach Ansicht Brüssels setzt eine beabsichtigte Lockerung der Einreisebeschränkungen erkennbare Anstrengungen der Regierungen in der Region voraus, um die illegale Auswanderung einzudämmen und ihre eigene Wirtschaftskraft zu stärken.
Da es Albanien nicht möglich war, die illegalen Fahrten der Menschenschlepper zu unterbinden, wurde ein generelles Verbot für Schlauchbootverbot erlassen. Albanien war zudem das erste europäische Land, das sich bereit erklärte, seine illegal in die EU eingewanderten Staatsangehörigen wieder aufzunehmen. Außerdem führte die Verwaltung computergestützte Grenzkontrollen ein und versprach, innerhalb eines Jahres alle Einwohner mit Personalausweisen auszustatten.
Doch Albanien hat noch einen weiten Weg vor sich, bevor die Grenzkontrollen den an sie gestellten Anforderungen entsprechen. Auf dem Bergpass an der Grenze zu Montenegro, im Dorf Muriqan, kommt der Strom für die zwei Baracken der albanischen Grenzpolizei aus Sonnenkollektoren. „Die Computer werden mit Sonnenenergie betrieben“, erklärt ein Polizist. Was geschieht dann über Nacht? „Dann gibt es keinen Strom“, gesteht er.
Trotz ihres Wachstums steht die albanische Wirtschaft vor großen Hindernissen. Es ist absehbar, dass es dem Staat in der nahen Zukunft nicht gelingen wird, den Aderlaß seiner Bevölkerung aufzuhalten.
Eines der Probleme sind die Engpässe bei der Elektrizitätsversorgung. Das Land kann die gestiegene Nachfrage nach Hausstrom nicht befriedigen. Etwa 70 Prozent des Stromverbrauchs in Albanien entfallen zur Zeit auf privaten Hausanschlüsse, bei einer jährlichen Steigerungsrate von 10 Prozent. Wenn die Wirtschaft weiterhin wächst, wird sich der Strombedarf mindestens verdoppeln. Wegen des schlechten Zustandes des regionalen Elektronetzes gibt es jedoch nur begrenzte Möglichkeiten, Strom aus anderen Ländern einzuführen, und die Kapazitäten für die inländische Energieerzeugung sind ebenfalls begrenzt.
In den letzten drei Jahren lag die Arbeitslosenrate konstant bei 12 Prozent. Mindestens eine halbe Million von insgesamt drei Millionen Albanern leben in Armut, vor allem in ländlichen Gebieten, wo das Ackerland im Rahmen der post-kommunistischen Landreformen zerstückelt wurde und sich die Produktivität auf einem ausgesprochen niedrigen Niveau befindet.
Das Ausbleiben bedeutender ausländischer Investitionen und Industrieansiedlungen hat sich inzwischen auf die Größe der neu gegründeten Unternehmen ausgewirkt. Es gibt, so Lois Labrianidis von der Universität Thessaloniki, nur wenige Firmen, in denen mehr als vier Mitarbeiter angestellt sind.
Das Lohnniveau gehört zu den niedrigsten in der Region. Nach Angaben der Weltbankabteilung MIGA verdiente ein normaler albanischer Angestellter im vorigen Jahr ein Durchschnittsgehalt in Höhe von 8 100 Dollar, ein Facharbeiter etwa 3 500 Dollar. Zum Vergleich: im benachbarten Mazedonien betrug das jeweilige Durchschnittseinkommen 14 000 bzw. 5 700 Dollar.
Laut Ilir Gedeshi, Mitarbeiter des Zentrums für Wirtschaftliche und Soziale Studien in Tirana (CESS) gibt es kaum Vertrauen in die Fähigkeiten des Staates, für die elementaren Bedürfnisse des Volkes zu sorgen. Kein Wunder, ergänzt er, dass so viele Menschen das Land aus grundlegenden ökonomischen Erwägungen verlassen und nicht etwa, weil sie woanders ihren Lebensstil ändern können oder bessere berufliche Chancen vorfinden.
Folgt man den Gegnern der vor kurzem beschlossenen EU-Visareform, so stecken hinter Abkommen grundlegende Fehlüberlegungen. Indem sie nur die gut ausgebildeten und hochqualifizierten Arbeitskräfte anspricht, betreibe die EU eine 'Rosinenpickerei' und verschärft damit letztendlich die gesellschaftliche Spaltung und die wirtschaftlichen Probleme „So gehen alle reichen Ländern vor“, führt Corrado Bonifazi, Demograph am Nationalen Forschungszentrum in Rom, aus: „Alle wollen die Besten und Klügsten haben.“
Etwa 40 Prozent der Teilnehmer einer vom CESS durchgeführten Umfrage möchten ins Ausland gehen – vor allem, weil es zu Hause kaum Arbeitsplätze gibt. Nur 19.000 von 300.000 Albanern, die in den letzten fünf Jahren ins arbeitsfähige Alter kamen, haben ordnungsgemäß registrierte Jobs bekommen, während weitaus mehr in der unbesteuerten „grauen Wirtschaft“ arbeiten.
Beinahe alle Ökonomen sind sich einig, dass der Drang zur Auswanderung erst dann zu Ende ist, wenn die albanische Wirtschaft Arbeitsplätze zur Verfügung stellt, deren Löhne auf einem ähnlichen Niveau liegen wie im Westen. Bis dahin vergeht jedoch noch mindestens ein Jahrzehnt.
Bei den Botschaften der EU-Mitgliedsstaaten in Tirana gehen jedes Jahr um die 220.000 Visaanträge von Albanern ein, sagt Ditmir Bushati, Mitarbeiter des Axhenda-Instituts, einem Think-Tank, der sich mit den Einreiseregelungen der EU befasst. Er fügt hinzu, dass die Hälfte der Antragsteller abgelehnt werden.
Verarmte Albaner wie die Palijas bleiben in ihrer mißlichen Lage. Nikolle und Sofie haben ein Visum für die USA beantragt, um ihre älteste Tochter in Massachusetts zu besuchen, die an postnatalen Depressionen leidet. Sie trafen auf einen freundlichen Konsularbeamten, der sie anlächelte und ihr Anliegen in gutem Albanisch abgelehnt hat. Er ließ sich nicht davon überzeugen, dass sie ihr Visum nicht überschreiten und illegal in den Vereinigten Staaten bleiben würden.
„Die neue Visapolitik dürfte die Situation nicht verbessern“, bemerkt Juli Vullnetari, der sich an der Universität Sussex mit dem Phänomen der Auswanderung aus Albanien beschäftigt.
Doch keine noch so umfangreiche Verschärfung der Grenzkontrollen wird in der Lage sein, die illegale Auswanderung einzuschränken. Sobald die alten ausgetrocknet sind, werden neue Kanäle eröffnet. Im Juli 2006 verhaftete die albanische Polizei eine Gruppe Polizisten, die illegale Auswanderer nach Griechenland gebracht hat. Im selben Monat wurden in Serbien Mitglieder eines Schlepperrings festgesetzt, die Albaner über Serbien und Kroatien nach Italien geschleust haben.
Panos Hatziprokopiou, der Einwanderercommunities in Thessaloniki erforscht hat, bekräftigt, dass dort, wo ein Wille sei, immer auch ein Weg ist: „Diejenigen, die unbedingt weg wollen, schaffen das auch – was immer es kostet.“



