Hat der Westen in Europas Wirtschaft noch immer die Nase vorn?

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Das ökonomische Gleichgewicht zwischen den zwei Hälften des einst geteilten Europa verlagert sich. Immer mehr Firmen brechen ihre Zelte ab und gehen in den Osten.

Geschrieben von Bogdan Asaftei in Bukarest, Botevgrad, Azambuja und Belgrad

Azambuja, ein 7000-Einwohner-Städtchen 35 Kilometer nördlich von Lissabon, erscheint als perfekter Ort für Touristen, die sich nach einem wohlverdientem Urlaub sehnen. Die schmalen Gassen und Häuser machen einen hübschen und gepflegten Eindruck, überall herrscht Ruhe. Doch nicht jeder genießt die Stille. An einem Gebäude im Stadtzentrum weist eine große rote Fahne mit Hammer und Sichel auf den im Haus untergebrachten kommunistischen Arbeiterklub hin.

Doch ein alter Mann, der vor dem Gebäude steht, bezeichnet diesen Ausdruck als falsch. „Das hier ist zwar ein Arbeiterklub, aber es gibt keine Arbeit in Azambuja“, sagt er traurig. „Seit Opel weg ist, ist die Stadt ist kaputtgegangen. Unser Ort verfällt langsam, so wie der Turm da hinten“, fügt er hinzu und deutet auf eine schräge, dem berühmten Schiefen Turm von Pisa ähnliche Turmspitze.

Noch vor wenigen Monaten war Azambuja Betriebszentrale eines der bedeutendsten Opel-Werke in Westeuropa. Mehr als tausend Arbeiter waren hier beschäftigt. Im Dezember wurde das Werk geschlossen, die Beschäftigten entlassen, und eine unheilvolle Stille legte sich über die Gassen. Das Unternehmen, Teil des General Motors-Konzerns, verlegte die Produktion ins spanische Zaragoza, nach Gliwice in Polen und St. Petersburg in Russland - ein weiterer harter Schlag für die ohnehin kränkelnde Wirtschaft in Portugal, dessen Arbeitslosenrate im letzten Jahr 7,7% und in diesem Jahr 8,4%, der höchste Stand seit 1987, beträgt.

Die missliche Lage von Azambuja ähnelt der etlicher Städte in anderen westeuropäischen Ländern, wo Unternehmen im Rahmen der Globalisierung ihre Zelte abgebrochen und die Geschäftstätigkeit, angezogen von den niedrigeren Lohn- und Produktionskosten, in den ehemaligen Ostblock verlagert haben.

So hat beispielsweise Peugeot Citroen den größten Teil seiner Produktion in Großbritannien inzwischen in die Slowakei verlagert. Der Computerhersteller Hewlett Packard ist von Frankreich nach Bulgarien umgezogen, der Haushaltsgeräteriese Electrolux von Deutschland nach Polen. Das sind nur einige der Großkonzerne, die nach Osteuropa gegangen sind, andere ziehen eine Verlagerung der Produktion in Betracht, etwa der Computerhersteller Dell, British American Tobacco, Volkswagen und IBM.

Vom Schwarzem Loch zum Goldrausch

Vor einigen Jahren war Osteuropa noch weit entfernt von dem Eldorado, als dass es den Investoren heute erscheint. In den frühen 1990er Jahren zeigte nur ein kleiner Teil der westeuropäischen Firmen Interesse für eine Verlegung ihrer Geschäftstätigkeiten nach Osteuropa. Die postkommunistischen Regierungen in der Region waren mit dem Verkauf der ehemals staatseigenen Werke beschäftigt, die wegen ihres enormen Schuldenstandes und eines überdimensionierten Personalbestandes als konkurrenzunfähig galten.

Ohne erkennbare Zukunftsaussichten im eigenen Land, wanderten die Arbeiter nach Westeuropa aus, um dort Arbeit zu suchen. Schnell machten die Klischees vom „polnischen Klempner“, „rumänischen Kindermädchen“ und „bulgarischen Bauarbeiter“ die Runde. Die Zuwanderung half den westeuropäischen Staaten, wirtschaftlich konkurrenzfähig zu bleiben, hatte aber auch einen Effekt auf die Volkswirtschaften, die die Migranten hinter sich ließen.

Das Geld, das die Gastarbeiter in ihre Heimatländer geschickt haben, wurde dort schon bald zu einer der wesentlichen Einnahmequellen. Nach Angaben der Rumänischen Zentralbank BNR haben die Exilrumänen zwischen 1997 und 2002 etwa acht Billionen Euro nach Hause überwiesen. Der Betrag steigerte sich Jahr für Jahr und verringerte 2005 das Leistungsbilanzdefizit des Landes um 38%. Für dieses Jahr wird die Höhe der Geldsendungen auf insgesamt 5 Billionen Euro geschätzt und würde damit mehr als 4% des Bruttoinlandsprodukts betragen.

Eine im Jahre 2004 erstellte Studie der Weltbank über den Anteil der Geldsendungen von Gastarbeitern am Bruttoinlandsprodukt osteuropäischer Staaten kommt zu dem Schluss, dass drei weitere Länder in ähnlicher Größenordnung von diesem Phänomen profitierten. So beliefen sich die Geldsendungen von Auswanderern aus der Repubik Moldau auf nahezu 503 Million Euro oder 27% des Bruttoinlandsprodukts. Migranten aus Bosnien und Herzegowina überwiesen 1,31 Billionen Euro oder 21%, aus Albanien 830 Millionen Euro oder 16% Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Als in Osteuropa die Weichen für Reformen und eine Weiterentwicklung der Wirtschaft gestellt wurden, begannen sich die westeuropäischen Unternehmen zunehmend für Investitionen in der Region zu interessieren. Damit wurde die Abwanderung von Arbeitskräften von einer Gegenströmung konterkariert, die Investitionen, Firmenübernahmen und -verlagerungen sowie Gewerbeneuansiedlungen auf der grünen Wiese mit sich brachte.

Eine Geschichte von zwei Städten

Die Verlagerungen betreffen jene Firmen, die die Produktion teilweise oder völlig von einer Region in eine andere verlegen und dabei üblicherweise ihre Werksanlagen im Ursprungsland stilllegen. Dabei handelt es sich nicht nur um eine einfache Investition oder eine Ausdehnung der Geschäfte auf ein anderes Territorium. Vielmehr wird dieser Schritt von ökonomischen und logistischen Argumenten diktiert und zieht aufwändige Investitionen in Produktionskapazitäten und bei der Rekrutierung einer Belegschaft im neuen Land nach sich und wird vom Erwerb von Grundstücken und dem Aufbau neuer Verwaltungszentralen begleitet.

Als häufigste und eindeutigste Argumente für derartige Verlagerungen werden die billigen, aber qualifizierten Arbeitskräfte und niedrige Produktionskosten angeführt. Manche Länder bieten mit ihren niedrigen Eingangssteuersätzen zusätzliche Anreize. Nach einer von dem Internetportal Economist Intelligence Unit präsentierten Umfrage, die die Wirtschaftsberatungsgesellschaft KPMG im Jahre 2005 unter 172 Herstellern in westeuropäischen Industrieländern durchgeführt hat, hat das Altersprofil in Westeuropa, wo ein Mangel an jungen, gut ausgebildeten Arbeitskräften herrscht, den Trend zur Abwanderung zusätzlich forciert. Auch die Erweiterung der Europäischen Union in den Balkan-Raum hat die Neigung zur Verlagerung von Produktionskapazitäten stimuliert. Die Neumitglieder Rumänien und Bulgarien sind begehrte Ziele für ausländische Firmen, die ihre Geschäftstätigkeiten ganz oder teilweise aus dem Westen verlagern wollen.

Wenn eine Firma ihre Produktionstätigkeit verlagert, hat das tiefe soziale Auswirkungen auf die Kommunen am alten und am neuen Standort. Man nehme zum Beispiel den erwähnten Fall von Azambuja in Portugal und der zentralrumänischen 40.000-Einwohner-Stadt Dej.

Als Opel im vorigen Dezember die Fabriktore in Azambuja schloss und die Produktion nach Osteuropa und Spanien verlagerte, wurde Azambuja davon schwer getroffen. „Unsere Stadt war völlig von Opel-Fabrik abhängig, und nun gibt es nichts zu tun“, beklagt sich Carlos Almoster, der mehr als Vierteljahrhundert in der Fabrik gearbeitet hat.

Vor 25 Jahren begann er dort zu arbeiten, seitdem hat er sein ganzes Leben in der Fabrik verbracht. Seit der Schließung des Werks erinnert ihn nichts mehr daran als eine goldene Armbanduhr. „Nach so vielen Jahren komme ich mir nutzlos vor“, sagt er und zeigt auf sein Erinnerungsstück.

In Dej sieht die Situation vollkommen anders aus. Seitdem immer mehr Unternehmen wie Opel ihre Produktion dorthin verlege, genießt die Stadt den Aufschwung. 2005 eröffnete der spanische Automobilkonzern ACE, der elektrische Komponenten für Fahrzeuge herstellt, das erste Werk in Rumänien. In der Zwischenzeit hat ACE weitere Pläne für die Verlagerung der Produktion von Barcelona und Zaragoza in Spanien nach Rumänien für das Jahr 2011 angekündigt. Die Hälfte der insgesamt 6000 ACE-Beschäftigten ist bereits in Rumänien beschäftigt, der Konzern beabsichtigt, dort weitere 1100 Arbeitnehmer anzustellen.

Im Juni 2006 eröffnete der schwedische Hersteller Trelleborg ebenfalls ein Werk in Dej, wo Autoteile für Renault, Audi, Ford und Peugeot hergestellt werden. Gleichzeitig schloss die Firma ihre Produktionsstätten im britischen Trowbridge und in Mannheim, wo fast 1000 Arbeitsplätze gestrichen wurden.

Doch in Dej gibt es für die neu geschaffenen Stellen nicht genügend Arbeitskräfte. „Wegen des angespannten Arbeitsmarktes stehen wir vor vielen Schwierigkeiten und versuchen deshalb, neue Produktionsanlagen in jenen Regionen zu eröffnen, wo es einfacher ist, neue Arbeitskräfte zu finden“, sagt Tatjana Mursa, PR- Managerin von ACE in Rumänien.

Da die Firmen ihre Produktion vor allem von den niedrigen Arbeitskosten nach Zentral- und Osteuropa verlagern, sind auch die Löhne, die den rumänischen Arbeitern angeboten werden, zwangsläufig bescheiden. Obwohl der Durchschnittslohn in den letzten vier Jahren um etwa 200% gestiegen ist, schätzen die Analysten, dass es jahrelang dauern werde, bevor rumänische Gehälter mit denen in Westeuropa gleichziehen und damit nicht mehr konkurrenzfähig bleiben. Nach Angaben des Nationalen Instituts für Statistik betrug der monatliche Durchschnittslohn Mitte 2007 400 Euro. „Das durchschnittliche Einkommen in Rumänien wird in ungefähr fünf Jahren 60% des westeuropäischen ausmachen, was wir als Konvergenz bezeichnen“, bemerkt Adriana Iftime, Geschäftsführerin des Verbandes Rumänischer Unternehmer in Rumänien (PSC).

Verlagern Sie bitte hier…

Dej dient als Modellbeispiel für die Art und Weise, wie Produktionsverlagerungen das Glück einer Stadt beeinflussen können. Nicht jeder in Osteuropa freilich ist in der Lage, einen solchen Optimismus zu teilen. Im westbulgarischen Botevgrad, etwa 50 Kilometer von der Hauptstadt Sofia entfernt, sehnen die Einwohner den Standortwechsel einer europäischen Firma in ihr Städtchen herbei, geben sich dabei allerdings nur wenig optimistisch.

Die von einer wirtschaftlichen Monostruktur geprägte Stadt hing völlig vom örtlichen Plastikhersteller Plastchim ab, der vor vier Jahren seine Produktion eingestellt hat. Seitdem überwiegen in Botevgrad Depression, Frustration und Pessimismus. Eine Frustration, die durch den Umstand verschlimmert wurde, dass die Beschäftigten monatelang ihre Löhne nicht erhalten haben. Um etwas Geld zu bekommen, gingen sie vor Gericht und gewannen ihren Prozess. Das Geld aber wurde ihnen noch nicht erstattet. „Der Richter sagte, wir haben ein Recht auf unser Geld, aber das Gerichtsurteil wurde nicht umgesetzt, weil die Firma in Konkurs gegangen ist“, sagt der ehemalige Plastchim-Angestellte Ivan Nikov.

In der Zwischenzeit haben die Einwohner des Ortes ihre Hoffnung auf bessere Zeiten aufgegeben. „Ich habe davon geträumt, mein Haus zu renovieren. Nachdem ich meinen Job los war, musste ich auf dieses Vorhaben verzichten“, beklagt sich Nikov. Ein anderer Beschäftigter, mit grauen Haaren und grimmigem Gesicht, sagt, dass er sein Leben in eine Art Warteschleife verlagert habe und beschwert sich: „Meine Frau und ich wollten noch ein Kind haben, aber das geht jetzt nicht mehr.“

In Botevgrad ist die pessimistische Stimmung weitaus schlimmer als in Azambuja, wo Opel erst kürzlich den Betrieb zugemacht hat und die entlassenen Arbeiter zumindest ihre Abfindungen bekamen. „Die richtigen Schwierigkeiten fangen erst im nächsten Jahr an, wenn wir das Geld von General Motors ausgegeben haben“, sagt Joao Soares, ein ehemaliger Opel-Angestellter.

José Eduardo, ein anderer Opel-Beschäftigter, hatte mehr Glück. Er hat eine neue Anstellung im Rathaus gefunden, doch für die meisten Männer, mit denen er zusammen arbeitete, wird es schwierig, einen neuen Arbeitsplatz finden, da sie fast 50 oder noch älter sind. Das Leben in der Stadt ist bereits sichtbar verblasst. Viele Häuser stehen zum Verkauf oder zur Vermietung, was man an den zahlreichen Schildern venda-se [zu verkaufen] oder arenda-se [zu mieten] ablesen kann.

Es geht nicht ausschließlich um billige Arbeitskräfte

Die Einwohner von Botevgrad beklagen sich über das Fernbleiben westeuropäischer Firmen, die an einer Verlagerung der Produktion in ihre Stadt interessiert sind, aber die Analytiker bemerken, dass sehr subjektive Gründe ins Spiel kommen, wenn sich Firmen für den Umzug nach Osten entscheiden.

Eine von der Finanzkommission des Französischen Senats in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahre 2006 kommt zu dem Schluß, dass als Schlüsselmotive Kostenfaktoren und Markterschließung im Vordergrund stehen. Anschließend folgen die örtliche Nähe zu den Wachstumsmärkten, Lohnkostenunterschiede, Kosten und Erhältlichkeit von Rohstoffen und die Existenz eines örtlichen Netzes von Produktionsanlagen. Steuerliche Gründe und Subventionen werden dagegen seltener in Erwägung gezogen.

Eine eher subjektive Rolle spielen geschichtliche Beziehungen. So gehört Österreich zu den wichtigsten Investorländern in Osteuropa. Vielen Finanzanalytikern zu Folge engagieren sich österreichische Firmen aufgrund alter Verbindungen mit diesem Teil Europas zur Zeit der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. In einem im April 2006 von der österreichischen Tageszeitung Der Standard veröffentlichten Artikel bemerkte der Wirtschaftswissenschaftler Eric Frey: „Dort, wo die Habsburger herrschten, fühlen sich österreichische Manager wie zu Hause“.

Noch weitere immaterielle, subjektive Gründe sind zu berücksichtigen. Nach Klara Floti von der Budapester ARC Relocation Hungary, einer Firma, die die Mobilität von Arbeitskräften fördert, werde die Tschechische Republik „für ihre westliche Tradition“ geschätzt und Ungarn „wegen seiner zentralen Lage, der wunderschönen Hauptstadt und der hohen Anzahl und dem guten Ausbildungsstand der IT-Fachleute“. Rumänien wird wegen der niedrigen Arbeitskosten bevorzugt.“

Es gibt auch einige Nachteile, die die Firmen vor einer Verlagerung der Produktion in Erwägung ziehen sollten. Trotz der Fortschritte in den letzten Jahren stehen Investoren bei der Verlagerung nach Osteuropa noch vor ernsten Schwierigkeiten. Aktuelle Berichte der Europäischen Kommission über Osteuropa erwähnen erneut das anhaltend hohe Niveau der Korruption, ein schwaches Rechtswesen sowie eine ungeeignete und instabile Gesetzgebung als Herausforderungen, denen Investoren gegenüberstehen – von einem Übermaß an Bürokratie ganz zu schweigen. „Wir sollten die alte, marode Infrastruktur nicht vergessen, durch die die Konkurrenzfähigkeit mit Westeuropa eingeschränkt wird“, warnt Katalin Varga, Geschäftsführerin von Settlers Kft., einer anderen Budapester Firma, die in der Verlagerungsbranche tätig ist.

Isamar van Hilten von der Partners in Relocation Group (Pirgroup), spricht von anderen negativen Aspekte, die ebenfalls berücksichtigt werden müssen und erwähnt die Arbeitseinstellung in den osteuropäischen Ländern. Sie behauptet, dass die meisten Menschen dort von einem überkommenen Zugang zur Administration, fehlendem Verantwortungsbewusstsein, einer grundsätzlichen Angst vor Neuerungen und Kooperationsunwilligkeit geprägt seien.

Manche Länder haben sich bereits zu Zentren spezifischer Industriebereiche entwickelt, die in Richtung Osten verlagert wurden. Nach Krzysztof Piech, außerordentlicher Professor an der Warschauer Wirtschaftsschule, haben viele Automobilhersteller ihre Produktion aufgrund der dortigen guten Infrastruktur in die Slowakei verlagert: „Die Slowakei befand sich dank der guten Infrastruktur in einer bevorzugten Lage, was positive Auswirkungen auf den Warenaustausch und die Mobilität der Menschen hat“. In der Slowakei werden jährlich mehr als 225.000 Fahrzeuge hergestellt. Nach Angaben von STAT-USA, dem statistischen Dienst der amerikanischen Wirtschaftskammer, könnte sich diese Zahl bis 2010 auf 850.000 erhöhen.

Zur Zeit ist Volkswagen der größte Automobilhersteller, der in der Slowakei Fahrzeuge produziert. Wie bereits erwähnt, kommen auch beträchtliche Investitionen von Peugeot Citroen, dessen Werk in Großbritannien geschlossen und die Produktion nach Trnava, 45 Kilometer nordöstlich von Bratislava, verlagert wurde. Die Investitionen in das neue Gelände betrugen mehr als 700 Million Euro. Der drittgrößte Fahrzeughersteller in der Slowakei ist KIA Motors, die Schwestergesellschaft des südkoreanischen Automobilherstellers Hyundai Motor Company, der ein Werk im nordslowakischen Zilina aufgebaut hat.

In anderen osteuropäischen Staaten ballen sich andere verlagerte Industriebereiche. Laut Van Hilten von der Pirgroup avanciert Slowenien derzeit zum „Hauptsitz“ der pharmazeutischen Industrie, während Polen für die Nahrungsmittelbranche und landwirtschaftliche Industrie interessant geworden ist. Gleichzeitig dient es als unternehmerisches Zentrum für große multinationale Aktiengesellschaften. Weißrussland und die Ukraine sind vor allem wegen ihres preiswerten, aber gut ausgebildeten Arbeitskräftereservoirs im IT-Bereich interessant.

Wohin als nächstes?

Die Verlagerung findet nicht nur von West- nach Osteuropa, sondern auch innerhalb des Balkans statt. So werden manche Länder aufgrund ihrer geografischen Lage zu Magneten für Produktionsverlagerungen – sie befinden sich nah an, aber doch außerhalb der Europäischen Union. „Als Rumänien der EU beigetreten ist, entschied eine rumänische Firma, ihre Produktion nach Serbien zu verlagern“, sagt Patricia Gannon von der Belgrader Rechtsberatung Karanović & Nikolić, die sich auf das Depositgeschäft, Privatisierungen und Steuerrecht spezialisiert hat.

Sie fügt hinzu: “Weil Rumänien jetzt europäische Rechtsvorschriften umsetzen muss, wird der Arm des Gesetzes dort gestärkt.“ Doch die rumänische Firma habe ihre Produktion nicht nur wegen der dortigen permissiven Gesetzgebung nach Serbien verlagert, sondern auch wegen des derzeitigen Wachstums der serbischen Wirtschaft.

„Die Wirtschaft dieses Landes wächst, die Industrie entwickelt sich und der Privatisierungsprozess macht schnelle Fortschritte“, fügt Gannon hinzu. „Aber dieses Land hat im Vergleich zu anderen Ländern in der Region noch einen großen Nachteil: die westeuropäische Staaten haben sehr strikte Visaregelungen gegenüber Serbien eingeführt, die Serben können nicht so einfach in die EU gelangen.“

Einige Ökonomen geben zu bedenken, dass der Investitions- und Verlagerungsboom nach Osteuropa seinen Höhepunkt bereits überschritten hat. Andere, billigere Regionen der Welt erstreiten sich auf dem Markt immer mehr Platz. Osteuropa erweist sich im Vergleich mit den prosperierenden asiatischen Märkten als weniger konkurrenzfähig und verliert in zunehmendem Masse Investitionen an diese Länder, wie Ernst & Youngs European Investment Monitor, der 2006 Investitionen aus dem Ausland und Fremdinvestitionen in Europa überprüft hat, nachgewiesen hat.

Das Tempo der ausländischen Investitionen in Polen, der Tschechischen Republik und Ungarn sank im letzten Jahr beträchtlich. Der Bericht von Ernst & Young notiert eine „abnehmende Fähigkeit, Investitionen in die Billigproduktion anzuziehen, für die man eher in Asien investiert.“

Auch wenn das zutreffen sollte, werden die Investitionen in der Region nicht vollständig zum Stillstand kommen. Die Debatte darüber, welches osteuropäische Land in den nächsten Jahren zum interessantesten Standort für eine Verlagerung ausländischer Produktionskapazitäten avanciert, stellt sich weiterhin. Katalin Varga von Settlers Kft. tippt auf Mazedonien und Polen: „Mazedonien wegen seiner niedrigen Körperschaftssteuern und Polen wegen des großen Marktes.“