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Jugendliche verzweifeln an ihrer Zukunft im Kosovo

Sokol Ferizi Priština, Mitrovica, Belgrad, Novi Sad, Wien und Brüssel

Zwischen einem enttäuschenden Ausbildungssystem, politischer Unsicherheit und ökonomischer Stagnation entscheiden sich immer mehr Jugendliche aus dem Kosovo für die Auswanderung.

„Ich halte das nicht mehr aus! Ich habe einfach aufgehört, mir Gedanken darüber zu machen, was um mich herum passiert“, sagt Eremire Krasniqi, eine 22jährige Soziologiestudentin aus Priština. Wenn Eremire im Café sitzt und ein weiteres Glas Rakia, dem einheimischen Schnaps, herunterkippt, kann sie auf das Mitgefühl ihrer jungen Mittrinker zählen.

Ihre Haltung ist typisch für junge Leute im derzeitigen Kosovo. Nur wenige von ihnen sehen in ihrer Heimat einen Ort, wo sie ihre Pläne und Ambitionen verwirklichen können. Ohne Jobs und ohne Aussicht auf ein Ende des Disputs über die Statusfrage, die den Fortschritt in allen Lebensbereichen zu behindern scheint, haben sie allmählich aufgegeben.

Der Kosovo hat die jüngste Bevölkerung in Europa. Obwohl die Geburtsrate in den letzten Jahren gesunken ist, ist die Hälfte der etwa zwei Millionen starken Bevölkerung laut einem vor kurzen veröffentlichten Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) unter 25. Nach statistischen Angaben sind mehr als 65% unter 30. In Westeuropa kommt lediglich Irland, wo im Jahre 1996 40% der Bevölkerung unter 25 war, diesem demographischen Profil nahe.

Die Arbeitslosenrate im Kosovo beträgt nach UNDP-Angaben aus dem Jahre 2005 etwa 40%, wovon wiederum 29% junge Leute sind. Rein statistisch gesehen, bewerben sich um jeden freien Arbeitsplatz etwa 530 arbeitslose Kandidaten.

Die Schwierigkeiten beginnen bereits mit der Ausbildung. Das niedrige Niveau der einheimischen Ausbildung bietet kaum geeignete Grundlagen, um später eine aussichtsreiche berufliche Karriere einschlagen zu können.

Für das Studium steht der albanischen Bevölkerungsmehrheit in der Region mit der Universität in Priština nur eine öffentliche Hochschule mit einer jämmerlichen Reputation zur Verfügung. Die serbische Minderheit, deren Territorium sich auf versprengte Enklaven und einen kleinen Landstrich im Norden des Kosovo beschränkt, muss sich mit der Universität in Nord-Mitrovica begnügen, deren Ruf noch schlimmer ist.

Die meisten jungen Menschen verzweifeln an der Situation in ihrem gepeinigten Land. Laut UNDP-Bericht 2007 würden fast 50% der Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 24 auswandern, wenn sie nur eine Gelegenheit dazu hätten. „Ich muss unbedingt für fünf Jahre hier weg“, sagt auch Krasniqi.

Chancen zum Studieren und Arbeiten sieht man in Europa, doch es ist nicht einfach, dorthin zu gelangen. Die Ausbildungsprogramme sind limitiert, und nur wenige finden eine legale Arbeit in der EU.

Diejenigen, denen so etwas gelingt, kehren selten zurück, da sie keine Gelegenheit haben, ihre Fähigkeiten in der ökonomischen Einöde anzuwenden, die im Kosovo auf sie wartet. Für jene, die dort bleiben, gibt es noch weniger Möglichkeiten: entweder nichts zu tun oder, schlimmer, Drogen zu nehmen, kriminell zu werden oder einen Ausweg in der Religion zu suchen.

„Die große Zahl junger Menschen nutzt nichts, solange es keine wirtschaftlichen Aktivitäten gibt“, sagt der Wiener Demograph Rainer Munz. Wenn die Besten und Klügsten weiterhin nicht gefördert werden, sieht die Zukunft des Kosovo düster aus.

Möchte jemand ein Diplom?

Laut Munz verschwendet der Kosovo sein bedeutendstes Kapital – seine ausgebildeten jungen Menschen. Das Problem aber beginnt eben mit der Ausbildung, denn das System hilft gerade denjenigen nicht, die auf dem schwierigen Arbeitsmarkt wirklich vorankommen möchten.

Die Soziologiestudentin Florie Xhemajli ist von der Qualität der Ausbildung tief enttäuscht: „Ich habe es satt, zu studieren. Ich würde mich nicht mehr als Studentin bezeichnen. Ich habe keinen Kontakt mehr zu dieser Uni, wo mein Ehrgeiz und meine guten Lerngewohnheiten aus der Schulzeit abgetötet worden sind.“

Fisnik Osmani, ein anderer Student, teilt Flories Enttäuschung. Er besucht die Kurse einzig, um die Bescheinigung, „das verdammte Diplom“, wie er es nennt, zu bekommen.

Die entrüsteten Studenten haben damit begonnen, ihre Frustrationen in farbenfrohen Demonstrationen abzureagieren. 2004 hat eine Gruppe Studenten von der Initiative für eine Andere Universität die Verwaltungsbüros der Universität mit Müll überflutet. Für Gezim Krasniqi, einem der Beteiligten, bestand damals „die einzige Lösung für die Universität darin, sie zu schließen“, da sie sowieso nur „Trottel mit Diplomen“ produzieren würde.

Der 2007 vom örtlichen Think-Tank KIPRED, dem Kosovarischen Institut für Politikforschung und -entwicklung, veröffentlichte Bericht Governance and Competence in Higher Education hat kein gutes Haar an der Qualität der Universität gelassen.

Das Papier bezeichnet die Leitung der Universität als ineffizient und korrupt und spricht von „beunruhigenden Tendenzen in der Hochschulausbildung im Kosovo“: „Man kann Prüfungen oft für Geld bestehen, die simple Neubenennung von Kursen wird als ,Reform‘ bezeichnet, und die Studenten müssen die Arroganz der Professoren tolerieren – wenn nicht, kann es sein, dass sie nie die nötigen Examen bestehen, um einen Abschluss zu bekommen.“

Der KIPRED-Bericht fährt fort: „Auch kritisches Denken besitzt wenig Priorität, da man kaum Akzente auf Debatten, interdisziplinäres Lernen, Gruppenarbeit oder kontextabhängige Problemlösungen setzt.“

Einige Studenten gestehen freimütig, wenn auch unter vier Augen, dass sie gegen Bezahlung gute Prüfungsergebnisse liefern. „Ich habe mehr als 30 Prüfungen für verschiedene Studenten abgelegt und berechne dafür gewöhnlich 50 bis 100 Euro. Es hängt davon ab, wie schwer die Prüfung ist und welches Risiko besteht, erwischt zu werden“, bekennt einer.

Laut Lindita Tahiri, Mitglied des Lehrkörpers an der Universität, kann die Verantwortung für die jämmerliche Qualität des Hochschulunterrichts nicht nur den Professoren angelastet werden. „Unsere Kinder kommen aus Grund- und Oberschulen, in denen das kritische Denken ebenfalls nicht gefördert wird“, behauptet sie.

„Wenn sie an die Universität kommen, sind sie daran gewöhnt, Fakten auswendig zu lernen und dann wieder und wieder aufzusagen. Sie können überhaupt nicht mitdenken.“

Der Wettbewerb im Wissenschaftsbereich setzte mit der Gründung privater Hochschulen ein, hat bisher jedoch nicht zu einer bedeutenden Steigerung der Standards geführt. Viele Privatuniversitäten hatten Schwierigkeiten, Lizenzen vom Bildungsministerium zu bekommen.

Die 29 Institute, denen es gelungen ist, haben bisher nur wenig zur Verbesserung der Situation beigetragen. „Es ist lächerlich, zu glauben, dass private Universitäten eine qualitativ bessere Ausbildung anbieten als staatliche Hochschulen“, betont Milazim Krasniqi, Analytiker und Professor für Journalismus. „Es sind dieselben Professoren, die an der Universität Priština und an den Privatuniversitäten unterrichten.“

Das Studium im Ausland bietet kaum eine sinnvolle Alternative

Während junge Kosovaren nur wenige Gelegenheiten haben, sich in ihrem kleinen Land weiterzubilden, sehen sie sich großen Schwierigkeiten ausgesetzt, wenn sie es irgendwo anders versuchen.

Die seit dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawien in den frühen 1990ern gegenüber den Ländern des Westbalkans eingeführten Reiseeinschränkungen treffen den Kosovo am stärksten, da es durch die anhaltende Auseinandersetzung mit Serbien über die Statusfrage isolierter ist als seine Nachbarn. Folglich wurde das Gebiet aus dem im September 2007 mit Albanien, Mazedonien, Bosnien und Herzegowina, Serbien und Montenegro abgeschlossenen Abkommen über eine punktuelle Abschwächung der strengen EU-Visaregelungen für Studenten und Facharbeiter ausgeklammert.

Seit der Frühphase der Nachkriegszeit im Jahre 1999 wurde Studenten aus dem Kosovo eine begrenzte Zahl an Ausbildungsplätzen zur Verfügung gestellt. Laut Dukagjin Pupovci, Direktor des kosovarischen Ausbildungszentrums, ist „die Zahl jener, die von Stipendienprogrammen profitieren, fast unbedeutend.“

Das von der Europäischen Kommission ins Leben gerufene Trans-European Cooperation Scheme for Higher Education (TEMPUS) steht Bewerbern aus dem Kosovo seit 2005 offen. Lindita Tahiri, die das Projekt im Kosovo koordiniert, bezeichnet die Auswirkungen des Programms bisher als bedeutungslos: „Mit Hilfe von TEMPUS-Geldern wurden etliche Projekte durchgeführt, aber das Programm hatte kaum Breitenwirkung und wurde nicht hinreichend genutzt.“

Das Problem ist nicht auf Geldmangel zurückzuführen. Nach Angaben von TEMPUS-Sachbearbeitern wurden für Projekte im Kosovo zwischen 2004 und 2006 fünf Millionen Euro bereitgestellt. Allerdings verfügen nur wenige Kosovaren über den nötigen Ausbildungsstand, um an den Projekten teilnehmen zu können. Folglich scheitern die aufgelegten Programme. „Im vorigen Jahr wurde eine erhebliche Summe wegen der Qualität der Projekte nicht abgerufen“, sagt Jean-Marie Castelain, die für den Kosovo zuständige TEMPUS-Programmdirektorin in Brüssel.

Erasmus Mundus ist ein weiteres Programm. Um die Mobilität zu fördern, ermöglicht es Studenten im Aufbaustudium, einen Magisterstudiengang in der EU zu belegen. „Es steht offen für junge Leute aus der ganzen Welt“, sagt Despina Christadoni von der Abteilung der Europäischen Kommission, die mit der Ausführung und Überwachung des Projekts betraut ist.

Christadoni merkt jedoch an, dass nur wenige Kosovaren an dem Programm teilgenommen haben: „Letztes Jahr waren es nur drei oder vier, und in diesem Jahr ist es das selbe.“ Ein weiteres Mal erweisen sich die niedrigen Ausbildungsstandards im Kosovo als entscheidende Hürde – in diesem Fall für junge Menschen, die sich um die begrenzte Zahl der zur Verfügung stehenden Stipendien im Ausland bewerben, die ihnen theoretisch zur Verfügung stehen.

„Das Ziel sind qualitativ hochwertige Master-Studiengänge, hochwertige Abschlusszeugnisse und sehr gute Studenten, die daran teilnehmen. Wenn sich also jemand aus dem Kosovo dafür bewirbt, tut er oder sie das gemeinsam mit Studenten aus der ganzen Welt“, erklärt Christadoni.

Laut Luan Shllaku, dem Leiter der Kosovo Foundation for Open Society, verspüren die Studenten ein dringendes Bedürfnis nach besseren Reisemöglichkeiten. Falls sie diese nicht legal bekommen, würden sie zu anderen Mitteln greifen. „Irgendjemand sollte den Mut aufbringen und einen Deal mit Europa machen, um den jungen Leuten mehr Bewegungsfreiheit zu gewähren“, fordert er und ergänzt: „Sonst wird die Realität hier so unerträglich, dass die Jugend auf die Berge gehen muss, um bessere Aussichten zu haben.“

Aus dem Teufelskreis kommt man schwer heraus

Obwohl die beruflichen Möglichkeiten im Westen auf viele junge Kosovaren einen starken Reiz ausüben, sind sie bereit, die erworbenen Fähigkeiten nach Hause zu bringen, wann immer sie es können. Aber das ist nicht so einfach.

Arber Domi ist gerade aus London gekommen, wo er einen Masterstudiengang in Wirtschaftswissenschaften an der London School of Economics (LSE) beendet hat. Zuerst belegte er als externer Student ein LSE-Bachelorprogramm und legte seine Prüfungen drei Jahre nacheinander in den Räumlichkeiten des British Council in Priština ab. „Jetzt, wo ich wieder zurück bin, möchte ich von meiner guten Ausbildung, die mir im Kosovo seit der Grundschule versagt wurde, Gebrauch machen“, betont er.

Aber die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Im Kosovo wird über den „Brain drain“ debattiert. Auf einer Podiumsdiskussion beklagten sich im vorigen Jahr Auslandsstudenten wie Domi über unzureichende Möglichkeiten, ihre im Ausland erworbenen Diplome vor Ort anwenden zu können. Sie drängten die Regierung, zumindest eine Datenbank mit Namen hoch qualifizierter Rückkehrer anzulegen, so dass potentielle Arbeitgeber Informationen erhalten könnten, wer und wo sie sind.

Kujtim Dobruna und Edmond Shabani haben versucht, diese Lücke zu schließen. Nach dem Studium in Österreich gründeten sie 2002 in Wien die Wirtschaftsinitiative für Kosovo (ECIKS). Sie funktioniert als Anlaufstelle, die potentiellen Investoren aus dem deutschsprachigen Gebiet umfassende Informationen über mögliche Betätigungsfelder im Kosovo zur Verfügung stellt.

„Viele Gesellschaften aus dem deutschsprachigen Gebiet, die im Kosovo investieren wollen, kommen mit ihren Nachfragen zunächst zu uns. Hier erhalten sie alle möglichen Informationen, von grundlegenden ökonomischen Gegebenheiten über direkte Kontaktvermittlung bis zu tatsächlichen Investitionsmöglichkeiten“, sagt Dobruna. Obwohl solche Initiativen offensichtlich helfen können, glaubt Mimoza Kusari-Lila, Leiterin der Amerikanischen Wirtschaftskammer im Kosovo und selbst zurückgekehrte Universitätsabsolventin, dass sich im Kosovo wirtschaftlich nichts tun wird, bevor im Ausbildungssystem aufgeräumt wird.

Kusari-Lila, die in Priština und in den Vereinigten Staaten studiert hat, bevor sie in den Kosovo zurückkehrte, hat keine gute Meinung von den Ausbildungsangeboten in ihrer Heimatstadt. „Die Qualität der hiesigen Hochschulen ist im allgemeinen sehr fragwürdig“, stellt sie fest und ergänzt: „Gleichzeitig sind die Fähigkeiten der Studenten auch nicht bemerkenswert.“

Die Serben haben es anders – aber nicht einfacher

Auch junge Kosovo-Serben stehen wie die albanische Mehrheit vor Schwierigkeiten, die jedoch anders gelagert sind. Ihre einzige Hochschule ist die Universität in Nord-Mitrovica (UNM) die nach dem Exodus der Serben aus Priština 1999 gegründet wurde und seither unter Anleitung Belgrads funktioniert. Statistische Angaben zur Studentenzahl stehen nicht zur Verfügung, es wird davon ausgegangen, dass mehr als 6 000 Studenten immatrikuliert sind.

Ana Pesikan, serbische Ministerin für Forschung und Wissenschaft, hebt die Unterstützung Belgrads für die Universität in Nord-Mitrovica hervor: „Wir befassen uns damit genauso wie mit den anderen Lehranstalten in Serbien“.

Viele Studenten sind jedoch anderer Auffassung. Miodrag Pantović zum Beispiel ist froh, dass er im Kosovo in seiner Muttersprache studieren kann, ohne deshalb nach Zentralserbien reisen zu müssen. „Aber die Qualität der Ausbildung in Nord-Mitrovica ist nicht besonders hoch“, beschwert er sich. Er behauptet, dass es ein allgemeines „Aufsichtsdefizit durch die Serbische Regierung“ gibt.

Laut Jelena Kleut, Professorin an der Universität in Novi Sad, die Vorlesungen in Nord-Mitrovica gehalten hat, äußern sich die meisten Studenten „sehr, sehr kritisch zu der Ausbildung, die sie dort erhalten“. Sie fügt hinzu: „Die Mehrzahl junger Menschen misstraut der serbischen Regierung. Die von uns angesprochenen Studenten behaupten, dass sie einzig schöne Reden von serbischen Beamten hören, die danach schnell wieder weggehen.“

Bemühungen der internationalen Organisationen, die Spaltung zwischen serbischen und albanischen Studenten im Kosovo zu überbrücken, haben indes kaum etwas bewirkt.

1999, unmittelbar nach dem Kosovo-Konflikt, begann die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit der Durchführung von Jugendcamps, in denen sich junge Menschen aus verschiedenen ethnischen Gruppen gegenseitig kennen lernen sollten.

Christopher Pardier, Leiter der Abteilung für Höhere Ausbildung bei der OSZE-Mission im Kosovo, gibt jedoch zu, dass die Ergebnisse unbefriedigend waren. Zum Beweis führt er die extensive Teilnahme junger Menschen an den ethnisch motivierten Unruhen im Kosovo im März 2004 an, die, wie Pardier es formuliert, „ein Weckruf für die [Kosovo] Mission gewesen“ seien.

Obwohl sich solche Aufstände nicht wiederholt haben, kam eine kürzlich von der UNDP unter jungen Kosovaren durchgeführte Umfrage über interethnische Versöhnung zu enttäuschenden Resultaten. Die Untersuchung ergab, dass mindestens 65% der jungen Kosovo-Albaner die Möglichkeit ablehnen, sich mit jungen Serben zu befreunden, während mehr als 50% der Befragten keine Serben als Nachbarn haben möchten.

Die Isolation der Kosovo-Serben zeigt sich auf zwei Ebenen. Sie teilen nicht nur die durch die strengen Visabestimmungen generierte generelle Isolation des Kosovo von der EU, sondern sind auch ethnischen, wenn auch sporadischen, Feindseligkeiten ausgesetzt. Während sie oft von der Polizei eskortiert werden müssen, um sich von einer in die andere Enklave zu bewegen, werden die Kosovo-Serben auch innerhalb Serbiens stigmatisiert.

„Wenn man ein Serbe aus dem Kosovo ist und die Leute merken, dass man einen besonderen Akzent hat, wird man als 'Šiptar' [abwertende serbische Bezeichnung für die Albaner, Anm. des Autors] bezeichnet und anders als die anderen behandelt“, bemerkt Pantović.

Laut Monica Jakobsen, einer Professorin der George-Mason-Universiät in Washington, die in Nord-Mitrovica gelehrt hat, befinden sich die Kosovo-Serben in einer festgefahrenen Lage: „Junge Leute sehnen sich nach Veränderung, es ist ihr Herzenswunsch, das merkt man. Die soziale Kontrolle aber ist sehr stark, es gibt dort ein richtiges Gefühl der Angst“.

Ebenso wie ihre albanischen Gegenüber werden viele Serben weggehen, sobald sie ihre Diplome bekommen haben.
 
„Im Moment denke ich, dass ich hier bleiben und meine Zukunft im Kosovo aufbauen möchte“, sagt Pantović, „aber ich fühle mich definitiv isoliert“.

„Für meine Freunde aus den südlichen Enklaven ist es noch schlimmer“, ergänzt er. „Sie haben schwerwiegende Probleme mit der Bewegungsfreiheit und müssen noch immer mit UN-Bussen in den nördlichen Teil [des Kosovos] befördert werden, zwei- oder dreimal in der Woche, mit bewaffneter Begleitung.“

Wohin ist die Wut verschwunden?

Trotz der offensichtlichen Frustration, die junge Leute aus allen ethnischen Gruppen im Kosovo äußern, überwiegt eher Apathie als Wut. Die Ergebnisse des UNDP-Berichts 2007 bestätigen diese Tatsache: mehr als 60 Prozent der jungen Menschen glauben, dass sie zu Hause nichts verändern können.

Manche Analytiker verbinden diese Passivität mit den tragischen Begebenheiten am Ende einer Reihe von Protesten der politischen Bewegung Vetevendosje, die sich dem gegenwärtigen Entscheidungsprozess über den Status des Kosovo hartnäckig widersetzt. Der Anführer der Bewegung, Albin Kurti, befindet sich seit seiner Verhaftung am 2.

Februar unter Hausarrest, nachdem die Proteste in Priština außer Kontrolle geraten waren und zwei Demonstranten von einer rumänischen Einheit der UN-Polizei mit Gummigeschossen erschossen wurden.

Der Zwischenfall hat bei den Menschen Verwirrung und Angst, aber auch eine Zurückhaltung gegenüber weiteren Straßenprotesten ausgelöst. „Die Probleme dieser Gesellschaft sind komplizierter, als es ein durchschnittlicher Bürger begreifen könnte“, sagt der Sozialanalytiker Dukagjin Gorani.

Der aus Brüssel für die kosovarische Tageszeitung Koha Ditore schreibende Politikanalytiker Augustin Palokaj notiert ebenfalls eine Veränderung: „Es gab einen Moment gegen Frühlingsende, als jeder hier [in Brüssel] immer mehr Proteste erwartete, aber dazu ist nie gekommen.“

Er stellte bei den Kosovaren eine Abneigung fest, laut zu werden. „Als ich zuletzt in diesem Sommer im Kosovo war, erkundigte ich mich bei meinen Freunden, Verwandten und Bekannten, ob sie vielleicht Lust hätten, protestieren zu gehen. Alle haben 'ja' gesagt, aber niemand wollte den ersten Schritt tun“, fügt Palokaj hinzu.

Salih Morina, Leiter der Jugendabteilung der Regierung, gibt zu, dass unter den Jugendlichen im Kosovo ein beunruhigendes Klima der Passivität herrscht, was er mit der Stagnation des Statusprozesses in Verbindung bringt.

„Ich glaube, dass alles damit zusammenhängt“, meint er und fährt fort: „Wenn der Status erst einmal besiegelt ist, erwarte ich Investitionen im Kosovo und dass verschiedene Träger aus Europa, der Welt und den Vereinigten Staaten mehr Möglichkeiten für junge Leute bieten.“

Arnoud Appriou, Koordinator des Ausschusses der Europäischen Kommission für Demokratisierung und zivilgesellschaftliche Belange im Kosovo, spricht ebenfalls von einem weit verbreiteten Gefühl der politischen Hilflosigkeit. „Das Dasein des Kosovo als Teil Jugoslawiens hat die Bevölkerung apathisch gemacht“, meint er und ergänzt: „Sie denken – 'naja, wir sind hier im Kosovo, und irgendwo anders wird über unsere Zukunft entschieden.“

Genoveva Ruiz Calavera, Leiterin der Einheit der Europäischen Kommission für Kosovo-Angelegenheiten in Brüssel, bestätigt, dass es für junge Leute schwierig ist, über die Ära der Statusverhandlungen hinaus zu denken. Ihre Botschaft drückt sie jedoch klar aus: niemand wird sich für euch einsetzen. „Wenn wir die altbekannten Rezepte wiederholen, werden wir nur diese Apathie aufrecht erhalten“, erklärt sie und ergänzt: „Die Menschen im Kosovo sollten sich bewusst werden, dass sie ihren Druck in Worte fassen und Einfluß auf das Parlament nehmen müssen.“

So rät sie den Betroffen im Bildungssystem: „Macht Druck auf eure Politiker, geht an die Schule zurück und gründet dort Elterninitiativen, die die Schuldirektoren ständig nach der Qualität der Ausbildung ihrer Kinder befragen.“

Solche „zivilgesellschaftlichen Bewegungen müssen kommen“, fordert Calavera und betont, dass „junge Leute dabei eine sehr wichtige Rolle spielen.“

Appriou ist derselben Auffassung: „Das Gegenteil von Apathie bedeutet nicht, weitere Demonstrationen auf den Straßen zu machen – es bedeutet eine starke Zivilgesellschaft, die für Ideen und Projekte eintritt.“

Es gibt jedoch kaum Anzeichen, dass im Kosovo solch eine starke und deutlich wahrnehmbare 'Zivilgesellschaft' auftaucht. „Was den Bürgersinn angeht, befinden wir uns zehn Jahre hinter den anderen Ländern der Region“, sagt Luan Shllaku. „Wir brauchen Think-Tanks, die sich zur Formulierung gesellschaftlicher Bedürfnisse mit politischen  Entscheidungsträgern und Interessengruppen abstimmen.“

Aufgeben oder Gott finden

Es scheint, als würde der meiste Frust Jugendlicher im Kosovo ein Ventil im Verbrechen oder im Drogenmissbrauch finde. „Das Durchschnittsalter der Täter, die kleine und schwere Verbrechen verüben, liegt zwischen 18 und 24, genauso wie das der Drogensüchtigen“, fasst Veton Elshani zusammen, Sprecher der Polizei im Kosovo, und führt aus: „Sogar Kinder unter 18 sind in großem Maße in Verbrechen verwickelt, die von Diebstahl bis zu Mord reichen.“

Der Marihuanamissbrauch hat, so Elshani, in den letzten Jahren rapide zugenommen: „Wir sind mit einem ungeheuren Missbrauch dieser Droge konfrontiert. Sie ist sehr weit verbreitet.“

Statistische Angaben der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahre 2001 bestätigen diese Behauptung. Sie weisen unter Jugendlichen im Kosovo höhere Raten für Drogenmissbrauch aus als in Westeuropa. Eine Tatsache die von den Angestellten der kommunalen Gesundheitsfürsorge mit Alltagsanekdoten bestätigt wird.

Andere junge Kosovaren finden einen Ausweg aus ihrer Frustration in fundamentalistischen religiösen Praktiken. „Ohne den Islam würde ich momentan aus dem Kosovo fliehen“, sagt Armend auf dem Rückweg vom Freitagsgebet in der örtlichen Moschee. Der Fotoliebhaber besteht darauf, dass „das Leben in Priština unhaltbar“ geworden ist – wer sich am 'Spaß' nicht beteiligen will, bliebe außen vor.

„Du trinkst nicht?“, fragt er rhetorisch, indem er diejenigen nachahmt, die er als Teil einer zugrunde gehenden Gesellschaft sieht. „Diese Gesellschaft verwelkt. Es scheint, als ob jemand das absichtlich so macht.“

Seit dem Krieg hat der Islam, insbesondere unter Jugendlichen, im Kosovo an Bedeutung gewonnen. Das Wiedererwachen fing vor ein paar Jahren an, als nach dem Konflikt im Jahre 1999 arabische Organisationen Nahrung und Kleidung ins Land brachten und Stipendien in Länder des Fernen und Mittleren Osten vermittelten, etwa nach Saudi-Arabien und Malaysia.

Obwohl die meisten Jugendlichen noch einen weltlichen Lebensstil führen, wächst die Zahl der strenggläubigen Moslems unaufhaltsam. Immer mehr junge Frauen tragen Kopftücher, während junge Männer in kurzen Hosen und mit langen Bärten unterwegs sind.

Die 2005 erstellte KIPRED-Studie Politischer Islam unter den Albanern weist auf die Gefahr einer religiösen Radikalisierung im Kosovo hin. Es wird angeführt, dass „immer mehr junge Männer und Frauen ... die Religion in Leidenschaft um[wandeln].“ Es gäbe eine Tendenz, die Grundsätze des Glaubens aus der spirituellen in die politische Sphäre zu transponieren.

Ferid Agani, Psychiater und Abgeordneter der islamisch orientierten Gerechtigkeitspartei, klingt weniger alarmiert: „Die Tatsache, dass nach dem Krieg mehr junge Leute religiöser wurden, entspricht ihrem Bedürfnis nach psychologischer Stabilität.“

Er ergänzt: „Die Möglichkeiten einer religiösen Radikalisierung sind genauso vorhanden wie die Möglichkeiten einer Radikalisierung aus politischen oder anderen sozialen Gründen.“

Lass mich bitte hier weg

Für die meisten Jugendlichen liegt die Lösung nicht im Verbrechen, Drogen oder der Religion, sondern in der Emigration. „Ich habe es endlich geschafft – mein Tag kommt. Ein Abschiedsgruss an diese Misere“, summt der 24jährige Jeton aus Priština, der endlich nach Kanada ausreist, nachdem er es geschafft hat, eine junge Frau zu heiraten, mit der er in Wirklichkeit nie zusammenleben möchte und wird.

Geschichten, Pläne und Strategien über den Wegzug ins Ausland sind überall in den Cafés des Kosovo zu hören: Alban, 26, aus Prizren, hat vor, zu seiner Freundin nach Deutschland zu gehen. Er hat sich die nötigen Papiere verschafft und sei bereit, ein „neues Leben“ anzufangen.

Der 23jährige Yll aus Pristina versucht seit vier Jahren „zu verschwinden“, wie er es ausdrückt. Seine Optionen reichen von Frankreich, das, wie er meint, „weiße Immigranten wie nie zuvor aufnimmt“, über Belgien und die Schweiz, wo eine 'Romanze' für ihn arrangiert ist, bis zu den USA. Vor kurzem hat er sogar damit angefangen, von einer Auswanderung über den Irak zu sprechen.

„Da kriegt man viel Geld im Austausch für seine Alpträume“, behauptet er. „Wenn man in einem Jahr mehr als 40.000 Dollar verdient, lohnt es sich doch, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Später kann ich dann irgendwo anders richtig untertauchen“.

Nach dem Psychologen Aliriza Arenliu entwickeln die Kosovaren eine starke gefühlsmäßige Bindung an ihre Heimat. Aber „auf der Gegenseite dieser Empfindungen gibt es ein hohes Maß an Frustration und eine Hoffnungslosigkeit über die Lebensumstände und den Mangel an persönlichen Chancen“. Er fügt hinzu: „Die Tatsache, dass die Hälfte der Bevölkerung auswandern möchte, macht deutlich, wie wenige Möglichkeiten ihnen übrig geblieben sind.“

Der Soziologe Shemsi Krasniqi bezeichnet ein weiteres Mal die Statusfrage als Wurzel allen Unbehagens. „Einem durchschnittlichen Bürger des Kosovo fällt es schwer, über die Gegenwart nachzudenken“, sagt er und fügt hinzu: „Die Vergangenheit ist eine bittere Erinnerung, und die Zukunft ist vage oder existiert nur in der Hoffnung.“

Es bleibt jedoch unklar, ob irgendetwas die Auswanderung der Jungen und Talentiertesten aus dem Kosovo verhindern kann. Für die Zukunft des Kosovo selber hat Rainer Munz in Wien zwei Szenarien im Kopf. Er möchte jedoch keine Wette darauf abgeben, welches sich durchsetzen wird.

„Das positive Szenario sieht vor, dass der Kosovo früher oder später unabhängig und noch dazu von einigen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten anerkannt wird. Damit verändert sich das Investitionsklima, und es kommt zu einem wirtschaftlichen Aufschwung.“

Er setzt hinzu: „Dann käme eine zusätzliche Unterstützung von den Geldsendungen der Gastarbeiter, die nicht in den Konsum gesteckt, sondern investiert werden. Man arbeitet in einer Reinigungsfirma in Deutschland und wird zum Chef einer Reinigungsfirma in Priština; man arbeitet als Buchhalter in einer schweizerischen Bank und wird zum Chef einer Buchführungsgesellschaft in Pristina.“

Auf der anderen Seite, so Munz, wenn „die Wirtschaft nicht Fuß fasst, wird der Kosovo anhaltend auf Hilfe aus dem Ausland und Geldsendungen angewiesen sein. Das ganze Geld wäre verbraucht und nicht investiert.“

„Wenn das letztere Szenario siegt, werden mehr und mehr Leute auswandern“, sagt er zum Schluss.

Fellow Bio

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Sokol Ferizi

Sokol Ferizi from Pristina, Kosovo, is a young journalist working for the Lajm daily newspaper and as moderator of the leading internet debate list in Kosovo, Prishtina Team

Topic

Topic 2007: Mobility

The Balkans features a proliferation of borders and barriers to movement of people, goods, capital, services, information and ideas, both among the countries that make it up and vis-à-vis the EU.

Fellows

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Sokol Ferizi
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Polina Slavcheva
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Nikoleta Popkostadinova
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Nenad Radicevic
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Eleonora Veninova
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Davor Konjikusic
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Bojana Stanisic
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Bogdan Asaftei
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Altin Raxhimi